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Die heiligen Apostel der Slawen Cyrill und Methodius, Begründer des slawischen Schrifttums

Die Entstehung des slawischen Schrifttums und der slawischen Kultur überhaupt ist untrennbar mit dem Leben und Werk der heiligen Brüder Cyrill und Methodius verbunden.

1. Kurzes Lebensbild

Cyrill und Methodius sind in Saloniki (slawisch: Solun) geboren - Methodius, der ältere Bruder, der den Taufnamen Michail trug, zwischen 815 und 820; Cyrill, mit Taufnamen Konstantin, im Jahre 827. Die Familie war hochgestellt und dem byzantinischen Kaiser gut bekannt. Der Vater León (slawisch: Lâv) hatte den Offiziersrang eines "Drungários" inne, d.h. er war wahrscheinlich ein Flottenkommandeur, direkt dem Strategen von Saloniki unterstellt, und nahm den dritthöchsten Rang in der Regierungshierarchie des Bezirkes ein. Die Mutter hieß Maria. Beide waren adliger Abkunft.

In den Ausführlichen Viten, der biographischen Hauptquelle, wird die Volkszugehörigkeit Cyrills und Methodius’ nirgendwo ausdrücklich erwähnt, aber gewisse Fakten darin legen die Annahme nahe, daß es Griechen waren: jedenfalls identifizieren sie sich mit der griechisch-byzantinischen Kultur, etwa wenn Cyrill im Disput mit den Sarazenen sagt: "Von uns sind alle Künste ausgegangen" (Vita Cyrilli, XVI). So hat Prof. Bonis von der Athener Universität nachzuweisen versucht, daß Cyrills Vater Leon Bruder des Logotheten Theoktist und somit Oheim der Kaiserin Theodora gewesen sei, und die Mutter Maria Tochter Kaiser Konstantins VI. Andererseits nennt die "Entschlafung Cyrills" (Uspenie Kirillovo) Cyrill einen Bulgaren, und so tut es auch die ganze spätere Überlieferung. Nach einigen tschechischen Quellen und nach einer italienischen Chronik-Handschrift des 17. Jahrhunderts hießen Cyrill und Methodius mit slawischen Namen Crko und Strachota. Die Frage der Volkszugehörigkeit ist ungelöst und vielleicht auch unlösbar. Beide Brüder beherrschten bis zur Vollkommenheit sowohl die griechische als auch die slawische Sprache. Die Bevölkerung von Saloniki war zu jener Zeit eine griechischslawische Mischbevölkerung und zweisprachig. So sagt, der Vita Methodii zufolge, Kaiser Michael den Brüdern: “Ihr seid Thessalonicher, und alle Thessalonicher sprechen rein slawisch" (VM, V). Wenn also Cyrill und Methodius keine Griechen waren, so entstammten sie doch einem gräzisierten slawischen Geschlecht. Das bulgarische Volk verehrt Cyrill und Methodius von jeher und auch heute noch als seine größten Söhne.

Methodius beschritt zunächst die weltliche Laufbahn: er war für ungefähr ein Jahrzehnt Archont oder Präfekt eines slawischen Grenzgebietes, wahrscheinlich in Mazedonien nördlich von Saloniki, an den Flüssen Struma und Bregálniza. Danach, vielleicht in Ungnade gefallen durch den Regierungswechsel in Byzanz (Sturz des Logotheten Theoktist), verläßt Methodius Heimat, Frau und Kinder und tritt als Mönch ins Kloster Polychron auf dem kleinasiatischen Olymp ein.

Cyrill erhält eine für seine Epoche glänzende Ausbildung. Schon als Kind zeigt er eine überragende Begabung und entscheidet er sich für ein geistliches Leben. Die Vita Cyrilli berichtet:

    Als das Kind sieben Jahre alt war, hatte es einen Traum. Es erzählte ihn Vater und Mutter und sagte: "Der Stratege hatte alle Mädchen unserer Stadt versammelt und sprach zu mir: 'Wähle dir eine von ihnen aus, welche du willst, eine Gefährtin zur Hilfe, dir gleichaltrig.’ Als ich mich umgesehen und alle betrachtet hatte, da sah ich eine, die die schönste von allen war, leuchtend von Angesicht und geschmückt mit viel goldenem Geschmeide und mit Perlen und mit jeglicher Schönheit. Ihr Name war Sophia, das heißt Weisheit. Diese erwählte ich." ... Als sie ihn zum Unterricht gaben, kam er mehr als alle anderen Schüler in den Büchern voran dank seinem Gedächtnis und der sehr guten Intelligenz, so daß alle sich wunderten...

Noch bevor der Knabe die Volljährigkeit erreicht, stirbt sein Vater Leon. Logothet Theoktist, von welchem einige Wissenschaftler, wie schon erwähnt, meinen, er sei sein Oheim väterlicherseits gewesen, übernimmt die Vormundschaft über ihn und schickt ihn auf die kaiserliche Schule in Byzanz. Hier, an der Magnaúra, werden die Kinder der Aristokratie von den berühmtesten Gelehrten der Zeit, u.a. Photios und Leo dem Mathematiker, unterrichtet. Cyrill studiert die freien Künste des Triviums und Quadriviums und absolviert die Universität mit dem Titel "Philosoph". Der Logothet (eine Art Staatssekretär für Außenpolitik) wollte ihn für eine politische Karriere gewinnen, aber Cyrill lehnte ab. Man ernennt ihn zum Bibliothekar (Chartophylax) des Patriarchen, also zu seinem Vertrauenssekretär mit hohen Vollmachten. Cyrill jedoch versteckt sich in einem Kloster am Bosporus, vielleicht um sich seinen geliebten Büchern widmen zu können, vielleicht auch aus politischen Gründen wegen der Thronbesteigung von Patriarch Ignatios. Danach wird ihm eine Professur für Philosophie angetragen. Er hat sie vermutlich an der Magnaára ausgeübt.

Schon vor der Slawenmission wird der junge Philosoph mit wichtigen kirchlich-staatlichen Missionen beauftragt. So schicken ihn der Kaiser und der Synod zur Verteidigung der rechtgläubigen Lehre der Bilderverehrung ins Kloster Klidion zu dem 843 gestürzten Patriarchen Johannes VII., Jannis genannt, einem wütenden Bilderstürmer. Im scharfsinnigen Disput besiegt der 19jährige Jüngling den betagten und hochgelehrten Ex-Patriarchen.

Im Jahre 851, mit 24 Jahren, wird Cyrill in einer religiösen und zugleich politischen Mission ins Sarazenenreich geschickt, nach Samara am Tigris, der Hauptstadt des Bagdader Kalifats. Im theologischen Streitgespräch mit den erudierten islamischen Gelehrten verteidigt Cyrill siegreich Christus gegen Mohammed und die Heiligste Dreieinigkeit gegen Allah. Die Sarazenen prüften ihn in allen Künsten, die sie selbst beherrschten, und waren verwundert über seine Gelehrsamkeit. Da sie ihn nicht widerlegen konnten, so berichtet die Vita, versuchten sie ihn zu vergiften. Cyrill entkam dem Anschlag und kehrte glücklich nach Konstantinopel zurück.

Nach vorübergehendem Rückzug ins Kloster begibt er sich auf den kleinasiatischen Olymp zu seinem Bruder Methodius, "lebte dort und betete unaufhörlich zu Gott und beschäftigte sich nur mit Büchern" (VC,VII). Manche Wissenschaftler deuten diesen Satz in der Lebensbeschreibung so, daß Cyrill hier die Schaffung des slawischen Schrifttums vorbereitet habe, zumal die Brüder hier wieder die Möglichkeit des Kontakts mit Slawen hatten, die in einer Kolonie in der Gegend um das Kloster siedelten.

Ende 859 oder Anfang 860 richtet der Khan der Chasaren an Kaiser Michael III. die Bitte, er möge einen Mann zu ihm schicken, der imstande wäre, mit den Juden und den mohammedanischen Sarazenen zu diskutieren. Die Chasaren waren ein den Urbulgaren verwandtes Turkvolk, das vom 7. bis 11. Jahrhundert nördlich des Schwarzen Meeres bis hin zum Kaspischen Meer und zum Uralgebiege ein großes Reich errichtet hatten. Ein Großteil der Chasaren war um das J. 800 dem mosaischen Glauben beigetreten; andere, den Arabern benachbart, bekannten sich zum Islam. Der Kaiser entsandte Cyrill mit den Worten: "Geh zu diesen Menschen, Philosoph, und steh ihnen Rede und Antwort über die Heilige Dreifaltigkeit mit ihrem Beistand. Denn niemand anders kann das würdig tun." (VC, X). Methodius gab er ihm als Begleiter mit. Unterwegs machen die Brüder in Cherson halt, das im Südwesten der Halbinsel Krim liegt und damals der nördlichste Punkt des byzantinischen Reiches war. Hier lernt Cyrill Hebräisch und übersetzt ein grammatisches Werk aus dem Hebräischen ins Griechische ("Die acht Teile der Grammatik"), das später auch ins Altbulgarische übersetzt wurde. Ferner wird berichtet, daß er dort ein Buch in samaritanischer Sprache, vermutlich den Pentateuch, las und ein Evangelium und den Psalter in syrischen Buchstaben, die er ebenfalls zu lesen imstande war. Cyrill ist es vergönnt, auf wunderbare Weise die Gebeine des hl. Papstes Clemens I. aufzufinden und zu bergen. Clemens war als der dritte Nachfolger des hl. Petrus von 88 bis 97 unter Kaiser Trajan Bischof von Rom; er war auf die Insel Krim verbannt worden und erlitt dort den Martyrertod. Die Bergung der Reliquien aus dem Meer und ihre Überführung in die Stadt Cherson fand am 30. Januar 861 statt. Im Frühjahr dann besteigen die Brüder ein Schiff und nehmen den Weg zur Kaspischen Pforte des Kaukasusgebirges, wo sich die Sommerresidenz des Chasarenkhans befand. Auch diese Mission war von Erfolg gekrönt. Nach den Worten der Vita gelang es Cyrill mit Gottes Beistand, den sarazenischen Hochmut zu Boden zu werfen und den jüdischen Hochmut auf die andere Seite zu stürzen. Der Khan gab Cyrill einen Brief an den Kaiser mit, in dem er eine hohe Einschätzung von der Persönlichkeit des Philosophen gab: "Du hast uns, Herrscher, einen solchen Mann gesandt, der uns durch das Wort und Tatsachen den christlichen Glauben und die Heilige Dreifaltigkeit erklärte. Und wir haben uns überzeugt, daß dies der wahre Glaube ist. Und wir haben befohlen, sich freiwillig taufen zu lassen. Und wir hoffen, daß wir auch dasselbe erreichen. Wir sind alle Verbündete und Freunde deines Reiches und zu deinem Dienst bereit, wo immer du willst." Tatsächlich ließen sich an die zweihundert aus dem Volk taufen. Als der Khan zum Abschied dem Philosophen Geschenke machen wollte, nahm dieser sie nicht an und erbat stattdessen die Freilassung von 200 griechischen Kriegsgefangenen, welche ihm auch bewilligt wurde.

Nach der Rückkehr aus Cherson erstattet Cyrill beim Kaiser Bericht und zieht sich dann zur Erholung an die Kirche der heiligen Apostel zurück. Seinem Bruder Methodius schlagen der Kaiser und Patriarch Photius vor, ihn zum Erzbischof zu

weihen. Methodius schlägt dieses Anerbieten, vielleicht eine Geste der Rehabilitierung, aus und wird stattdessen als Abt des Klosters Polychron eingesetzt. Doch die Ruhe Großmährischen Reiches ein. Die Vita Cyrilli berichtet:

    Als der Philosoph fröhlich war in Gott, traf ein anderer Auftrag und eine Aufgabe ein, keineswegs geringer als die früheren. Denn Rastislaw, der mährische Fürst, von Gott ermahnt, beriet mit seinen Fürsten und den Mährern und sandte zu Kaiser Michael und ließ sagen: "Da sich unser Volk vom Heidentum abgewandt hat und sich an das christliche Gesetz hält," (Anmerkung: Großmähren wurde seit Anfang des 9. Jahrhunderts von römischen, griechischen und bayrischen Missionaren, vor allem aus Passau, christianisiert) "haben wir keinen solchen Lehrer, der uns in unserer Sprache den wahren christlichen Glauben erklären könnte, damit auch die anderen Länder, wenn sie das sehen, uns nacheifern. Sende uns daher, Herrscher, einen Bischof und einen solchen Lehrer! Denn von euch geht in alle Länder stets ein gutes Gesetz aus." Nachdem der Kaiser den Synod versammelt hatte, rief er den Philosophen Konstantin herbei und hieß ihn, sich diesen Auftrag anzuhören, und sagte: "Philosoph, ich weiß, daß du beschäftigt bist; aber es ist deiner würdig, dorthin zu gehen. Denn diesen Auftrag kann keiner so ausführen wie du." Der Philosoph antwortete: "Obwohl ich zu tun habe und körperlich gebrechlich bin, gehe ich gern dorthin, so sie eine Schrift in ihrer Sprache haben." Der Kaiser aber sagte zu ihm: "Mein Großvater und mein Vater und viele andere, die danach gesucht haben, haben nichts gefunden. Wie soll ich etwas finden?" Der Philosoph aber sagte: "Wer kann schon eine Belehrung auf Wasser schreiben, oder sich den Namen eines Ketzers zulegen?" Da entgegnete ihm der Kaiser wiederum zusammen mit Bardas, seinem Onkel: "Wenn du willig bist, Gott wird es dir geben, wie er allen gibt, die ohne Wankelmut bitten, und denen auftut, die anklopfen." Der Philosoph ging weg und gab sich nach altem Brauch mit anderen Mitarbeitern dem Gebet hin. Bald schon offenbarte sich ihm Gott, der die Gebete seiner Diener erhört hatte. Und sogleich schuf er Buchstaben und begann die evangelische Belehrung niederzuschreiben: Am Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort, und so weiter. Der Kaiser freute sich und pries samt seinen Ratgebern Gott. Und er sandte ihn mit vielen Geschenken aus; und er schrieb an Rastislaw einen Brief wie folgt: "Gott, der jedem befiehlt, zur Erkenntnis der Wahrheit zu gelangen und nach größerer Würde zu streben, hat deinen Glauben erkannt. Und er hat das große Wunder getan und zu unseren Zeiten in eurer Sprache Buchstaben offenbart, die außer in alten Zeiten nicht mehr gegeben worden sind, damit auch ihr den großen Völkern, die Gott in ihrer Sprache preisen, zugerechnet werdet. Und deshalb haben wir denjenigen gesandt, dem Gott dies offenbarte, einen ehrwürdigen und frommen Mann, einen sehr gelehrten Philosophen. Und nach Erlangung dieses Geschenkes, das größer und ehrenwerter als alles Gold und Silber und Edelsteine und vergänglicher Reichtum ist, geh hin mit ihm und vollziehe eilig das Anliegen, da alle Herzen nach Gott verlangen. Und verschmähe nicht das allgemeine Heil, sondern ermuntere alle, nicht zu säumen und den wahrhaftigen Weg einzuschlagen; damit auch du, nachdem du sie durch deine Großtat zur Erkenntnis Gottes geführt hast, deinen Lohn dafür in diesem und im künftigen Leben erhältst für alle die Seelen, die an Christus unseren Gott glauben werden von nun an bis ans Ende, indem du den ferneren Geschlechtern ein Gedenken hinterläßt gleich dem des großen Kaisers Konstantin." (VC, XIV)

Cyrill nimmt also den historischen Auftrag an. Zusammen mit seinem Bruder Methodius zieht er sich in ein Kloster zurück, um sich auf die Mission vorzubereiten. Die Brüder sind nicht allein. Die erwähnten Mitarbeiter waren ohne Zweifel Slawen, wahrscheinlich aus dem Gebiet von Saloniki oder aus Klöstern der Hauptstadt. In kürzester Zeit stellt Cyrill ein Alphabet zusammen, nach allgemeiner Auffassung der Wissenschaft das glagolitische Alphabet, und übersetzt die wichtigsten liturgischen Bücher aus dem Griechischen ins Slawische, als erstes das Evangeliar, dann den Psalter, das Apostolar und das Meßbuch in Auswahl.

So wurde das Jahr 863 n. Chr. das Geburtsjahr des slawischen Schrifttums. Sein Schöpfer ist Cyrill, unterstützt von seinem Bruder Methodius. Im Herbst desselben Jahres bricht die Gruppe nach Mähren auf und wird dort mit großen Ehren empfangen. Cyrill und Methodius beginnen sofort damit, Schüler zu unterrichten. "Bald schon war die Kirchenordnung übersetzt; und er unterwies sie in der Matutin, im Stundengebet, in der Messe, der Vesper, im Komplet und in der Spendung der Sakramente" (VC, XV).

Diese Tätigkeit stößt bald auf den Widerstand der fränkischen Geistlichkeit, die Großmähren als ihr Missionsgebiet betrachten und um ihren Einfluß fürchten. Die Angriffe richten sich weniger gegen das Alphabet als vielmehr gegen den slawischen Gottesdienst und die slawischen Kirchenbücher. Wie die Vita Cyrilli berichtet, argumentierten die lateinischen Geistlichen vom Standpunkt der Drei-Sprachen-Theorie aus: „Gott wird dadurch kein Lobpreis! Denn wenn solches ihm wohlgefällig wäre, hätte er dann nicht bewirkt, daß sie von Anfang an ihre Unterweisungen mit Buchstaben geschrieben und so Gott gepriesen hätten? Er hat nur drei Sprachen erwählt - die hebräische, die griechische und die lateinische -, in ihnen geziemt es sich, Gott zu loben."'

Freilich entsprach diese Jahrhunderte lang verbreitete Auffassung nicht der amtlichen Lehre der Kirche. So erklärt eine westliche Synode im Jahr 794, zur Zeit Karls des Großen: "Keiner soll glauben, daß wir zu Gott nur in den drei (sakralen) Sprachen beten dürfen, denn die Anbetung kann Gott in jeglicher Sprache erwiesen werden." Cyrill und Methodius setzen sich gegen diese Angriffe unter Berufung auf die Heilige Schrift zur Wehr und fahren in ihrer Missionstätigkeit fort.

Nach etwa drei Jahren beschließen die Brüder, nach Konstantinopel zurückzukehren und dort ihre Schüler weihen zu lassen. Unterwegs werden sie von Kocel, dem Fürsten von Pannonien, aufgenommen, das damals geistlich dem Bistum Salzburg unterstand. Auch Fürst Kocel begeistert sich für das slawische Schrifttum und läßt fünfzig Schüler darin unterweisen. Cyrill und Methodius halten sich in Pannonien etwa ein Jahr lang auf. Dort oder in Venedig, von wo sie sich nach Konstantinopel einschiffen konnten, erhalten sie päpstliche Schreiben mit einer Einladung nach Rom. Nach der Italienischen Legende freute sich der Papst, Nikolaus I., als er ausführlich über das slawische Schrifttum unterrichtet wurde, sehr über das, was man ihm berichtete. Die Brüder freuten sich ihrerseits und machten sich zusammen mit ihren Schülern nunmehr nach Rom auf. Sie konnten auch dort ihre Schüler weihen lassen und hatten überdies die Chance, den Konflikt zu mildern, der sich besonders unter Patriarch Photius zwischen Konstantinopel und Rom zuspitzte. Die Einladung wird wohl im Oktober oder Anfang November 867 ergangen sein, denn am 13. November ist Papst Nikolaus verstorben.

Doch zunächst werden die Brüder in Venedig aufgehalten. wo sie an einer Synode teilnehmen und wo Cyrill seine berühmte Rede für das Recht aller Völker, Gott in ihrer Sprache zu lobpreisen, hält. Die Vita Cyrilli schreibt (XVI):

    Als er in Venedig war, versammelten sich die lateinischen Bischöfe, Priester und Mönche gegen ihn, gleich Raben gegen einen Falken, und sie erhoben die Dreisprachenhäresie und sagten: "Mann, erkläre uns, wieso hast du jetzt den Slawen eine Schrift geschaffen und lehrst sie darin, die kein anderer zuvor erfunden hat, kein Apostel, kein Papst in Rom, kein Gregor der Theologe, kein Hieronymus, kein Augustinus? Wir kennen nur drei Sprachen, in denen in der Schrift Gott zu lobpreisen sich geziemt: in Hebräisch, Griechisch und Latein."

    Der Philosoph antwortete ihnen: "Fällt der Regen von Gott etwa nicht gleichmäßig auf alle? Oder scheint die Sonne nicht ebenso auf alle? Und atmen wir etwa nicht alle gleichermaßen an der Luft? Wieso schämt ihr euch denn nicht, daß ihr nur drei Sprachen bedenkt, und allen übrigen Völkern und Stämmen gebietet ihr, blind und taub zu sein? Sagt mir, die ihr Gott für machtlos haltet, daß er solches nicht schenken könne, oder für neidisch, daß er nicht schenken wolle? Wir aber kennen viele Völker, die der Schrift kundig sind und Gottes Herrlichkeit lobpreisen, jegliches in seiner Sprache. Bekanntermaßen sind es diese: Armenier, Perser, Abasger, Iberer, Sugder, Goten, Awaren, Tursier, Chasaren, Araber, Ägypter, Syrer und viele andere. Wenn ihr daraus nichts begreift, so erkennt wenigstens den Richter aus der Schrift. Denn David ruft aus und sagt: Singet dem Herrn, alle Welt. Singet, seid fröhlich und lobet!“

So fährt Cyrill fort, indem er sich auf die Psalmen, auf die Evangelien und vor allem auf Paulus (1 Kor 14,5ff.) beruft. Zum Schluß heißt es: "Mit diesen Worten aber und anderen mehr beschämte er sie und ging von dannen."

Inzwischen war am 14. Dezember 867 ein neuer Papst gewählt worden - Hadrian II. Der hat wahrscheinlich die Einladung bekräftigt, und so setzen die Brüder ihren Weg von Venedig aus nach Rom fort. Gegen Weihnachten oder Anfang 868 kommen sie in der Ewigen Stadt an. Mit ungewöhnlicher Ehre werden sie von Papst Hadrian persönlich empfangen. Die Vita erzählt:

     Und da er in Rom angekommen war, kam ihm der Apostolikus Hadrian selbst entgegen samt allen Bürgern. Und sie trugen Kerzen, da sie erfahren hatten, daß er die Reliquien des heiligen Clemens mitbringe, des Märtyrers und Papstes zu Rom. Und sogleich tat Gott hier Wunder: ein Gelähmter wurde geheilt, und viele andere wurden mancherlei Krankheiten los. Sogar Sklaven, die gefangengenommen waren, riefen das Gedenken des heiligen Clemens an und kamen frei.

    Nachdem nun der Papst die slawischen Bücher entgegengenommen hatte, weihte er sie und legte sie in der Kirche der heiligen Maria nieder, die "Krippe" genannt wird (d.h. in Santa Maria Maggiore); und man sang über ihnen die heilige Liturgie. Danach befahl der Papst zwei Bischöfen, Formosus und Gauderich, die slawischen Schüler zu weihen. Und als man sie weihte, da sangen sie die Liturgie in der Kirche des heiligen Petrus in slawischer Sprache. Und am anderen Tage sangen sie in der Kirche der heiligen Petronilla; und am dritten Tage sangen sie in der Kirche des heiligen Andreas; und hernach wiederum bei dem großen Lehrer der Völker, in der Kirche des Apostels Paulus. Bei Nacht sangen sie die heilige Liturgie slawisch über dem Heiligen Grab, wobei sie den Bischof Arsenius, einen von den sieben Bischöfen, und den Bibliothekar Anastasius als Beistand hatten. Der Philosoph aber hörte nicht auf, mit seinen Schülern Gott die gebührende Danksagung dafür zu erweisen.

Damit sind das slawische Schrifttum und die slawische, nämlich altbulgarische Sprache, offiziell anerkannt und die Missionstätigkeit Cyrills und Methodius’ und ihrer Schüler unter den Westslawen legalisiert. Die cyrillomethodianische altbulgarische Sprache wird zur dritten großen Kultursprache im mittelalterlichen Europa. Der Sieg scheint endgültig, doch sollte der Streit noch jahrelang weitergehen.

Von den vielen Mühsalen erschöpft, erkrankt Cyrill und ist ans Bett gefesselt. Kurz vor seinem Tode wird er Mönch. Er, der bisher Konstantin geheißen hatte, nimmt nun den Namen Cyrill an. In seinen letzten Tagen diktiert er seinen Schülern sein letztes Werk "Schrift über den wahren Glauben". Seinem Bruder hinterläßt er als Vermächtnis folgende Ermahnung: "Sieh, Bruder, wir beide waren ein Gespann, das eine Furche zog, und ich falle auf das Jochholz, da mein Tag zu Ende ist. Du aber liebst den Berg (d. h. das Kloster) sehr, jedoch darfst du des Berges wegen deine Tätigkeit als Lehrer nicht aufgeben, denn wodurch könntest du mehr Seelenheil erwerben!". (Vita Methodii, VII)

Als er den Tod nahen sah, soll er frohgemut gesagt haben: "Von nun an bin ich weder ein Diener des Kaisers, noch der eines anderen auf Erden, sondern nur Gottes, des Allerhalters." Aus seiner Todesstunde wird das folgende Gebet von ihm überliefert (VC, XVIII):

    Herr, mein Gott, der du alle Engelschöre und die körperlosen Mächte geschaffen, den Himmel ausgebreitet, die Erde gegründet und alles Seiende aus dem Nichtsein in das Sein geführt hast; der du allzeit und überall erhörtest, die deinen Willen vollführen, dich fürchten und deine Gebote erfüllen; erhöre mein Gebet und beschütze deine treue Herde, der du mich, deinen unglückseligen und unwürdigen Diener, ihr vorangestellt hast! Rette sie vor aller gottlosen und heidnischen Bosheit und von aller geschwätzigen und lästernden Häretikerzunge, die Schmähung wider dich reden, und vernichte die Dreisprachenhäresie und laß deine Kirche in Vielheit wachsen und alle in Einmütigkeit versammelt sein! Schaffe vortreffliche Menschen, gleichgesinnt in deinem wahren Glauben und im rechten Bekenntnis, und hauche in ihre Herzen das Wort deiner Lehre ein! Denn es ist dein Geschenk, daß du uns Unwürdige angenommen hast zur Predigt des Evangelium deines Christus, die wir uns bemühen um gute Werke und dir wohlgefälliges Tun. Die du mir gegeben hattest, übergebe ich dir als die Deinen. Lenke sie mit deiner starken Rechten, beschirme sie mit dem Schirm deiner Schwingen, auf das alle lobpreisen und rühmen deinen Namen: des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes in Ewigkeit. Amen.

Cyrill stirbt, zweiundvierzig Jahre alt, am 14. Februar 869 in Rom. Methodius wollte ihn, einem Wunsch der Mutter entsprechend, in sein Kloster überführen, der Papst wollte ihn - entgegen römischem Brauch - sogar in seinem eigenen Grab in der Peterskirche beisetzen, doch Methodius hielt entgegen: "Da ihr mich nicht erhört und ihn mir nicht gegeben habt, so möge er, wenn es Euch beliebt, in der Kirche des heiligen Clemens begraben werden; denn mit diesem ist er hier angekommen." Und so wurde Cyrill rechts vom Altar in San Clemente bestattet, wo noch heute sein Grabmal ist.

Fürst Kocel bittet sich Methodius als Lehrer für Pannonien aus. Hadrian willfährt der Bitte. In einem Begleitschreiben an Kocel bescheinigt er, daß Cyrill und Methodius nichts gegen das Kirchengesetz getan haben und daß er in Methodius einen Mann sendet, "vollkommen dem Verstande nach und rechtgläubig, damit er euch unterweise, wie ihr gebeten habt, indem er die Schrift in eurer Sprache auslegt, ganz gemäß der Kirchenordnung, samt der heiligen Messe, das heißt der Liturgie, und der Taufe, wie es der Philosoph Konstantin mit Gottes Gnade und durch die Fürbitte des heiligen Clemens begonnen hat." Eine einzige Auflage macht der Papst: "In der Messe wird die Apostellesung und das Evangelium zuerst lateinisch, hernach slawisch vorgelesen." Und weiter: "Wenn aber jemand ... beginnt, euch frech auf Abwege zu leiten, indem er eure Sprache schmäht, der sei nicht nur von der Kommunion ausgeschlossen, sondern auch aus der Kirche, bis er sich bessert."

Kocel nimmt Methodius wieder mit Ehren auf und schickt ihn bald darauf zum Papst zurück, „damit er ihn für das Bistum in Pannonien weihe, für den Stuhl des heiligen Andronikus, eines Apostels der siebzig - gemeint ist der alte Bischofsitz Sirmium (heute Sremska Mitrovica) -, was denn auch geschah. Dieser Weiheakt löst Unzufriedenheit bei den deutschen Bischöfen aus. In Regensburg wird ein Gericht gegen Methodius einberufen, dem König Ludwig der Deutsche beiwohnt. Der Hauptvorwurf gegen Methodius lautet: "Du lehrst auf unserem Gebiet!". Methodius verteidigt sich mit dem Argument: "Wüßte ich, daß es euer ist, ich würde fortgehen; aber es gehört dem heiligen Petrus." Über das Ergebnis des Streites berichtet die Vita Methodii: "Nachdem sie über dieses Diktum herumgestritten hatten, gingen sie auseinander. Jenen (Methodius) aber verbannten sie nach Schwaben und hielten ihn zweieinhalb Jahre gefangen."

Aus den Briefen Papst Johannes’ VIII. aus dem J. 873 geht hervor, daß die Gerichtssitzung nicht ohne Tätlichkeiten und Gewaltanwendung verlief. Auch während seiner Verbannung war Methodius manchen Quälereien ausgesetzt, so wurde er manchmal in der Winterkälte unter freiem Himmel festgehalten. Die Gefangennahme Methodius’ war im Jahre 870; der päpstlichen Anordnung, ihn freizulassen, kam man erst 873 nach. Als Gefängnis diente wahrscheinlich das Kloster im schwäbischen Ellwangen.

Im Gefolge dieser Ereignisse vertrieben die Mährer die deutschen Bischöfe aus ihren Gebieten und baten Papst Johannes VIII. in einem Brief, ihnen Methodius als Erzbischof und Lehrer zu überlassen, was auch geschah. Zu dieser Zeit wird Großmähren bereits von Swentopulk regiert (870-894). Als Oberhaupt der mährischen Kirche wirkt Methodius bis zu seinem Tod. Nun folgt ein verhältnismäßig ruhigerer Lebensabschnitt, der jedoch durch Streitigkeiten über die Heilige Dreieinigkeit getrübt wird. Eine dritte Romreise Methodius’ wird notwendig (879-880), von welcher er gerechtfertigt zurückkehrt. Ein weiteres Mal hieß nun auch Hadrians II. Nachfolger Papst Johannes VIII. das slawische Schrifttum gut mit den Worten: "Derselbe Gott, der die drei hauptsächlichen Sprachen, nämlich die hebräische, griechische und lateinische, geschaffen hat, er hat auch alle anderen Sprachen zu seinem Lob und seiner Ehre geschaffen." (Industriae tuae, 880).

Nicht lange darauf wird Methodius durch einen Brief Kaiser Basilius des Mazedoniers nach Byzanz gerufen. Dort wird er sowohl vom Kaiser als auch von Patriarch Photius gut empfangen und gelobt. Er läßt einen Priester und Diakon mit Büchern zurück. Manche Gelehrte nehmen an, daß diese nach Bulgarien auf Verlangen von Fürst Boris geschickt worden seien, andere, daß Methodius sich persönlich mit Boris getroffen habe - aber das sind bloß Vermutungen. Nach seiner Rückkehr aus Byzanz widmet Methodius sich bis zu seinem Tode vor allem Übersetzungen und der Ausbildung von Priestern. Auch konnte er seine Mission auf einen Teil des polnischen Gebietes ausbreiten. Am 6. April 885 ist Methodius gestorben. Von zahlreichem Volk beweint wurde er in der mährischen Hauptstadt Velegrad (Velehrad) bestattet. Bald darauf wurden sein Nachfolger, Bischof Gorazd, und seine übrigen Schüler des Landes verwiesen; viele von ihnen fanden nach schweren Prüfungen Aufnahme in Bulgarien, wo das cyrillomethodianische Erbe im sogenannten Goldenen Zeitalter der bulgarischen Literatur unter Zar Symeon (893927) zu höchster Blüte gelangte.

2. Glagóliza und Kyrílliza – die zwei altbulgarischen Alphabete

Aus den Quellen geht klar hervor, daß Cyrill und Methodius das erste slawische Alphabet geschaffen haben. Doch welches Alphabet schufen sie? Diese Frage drängt sich auf wegen des Umstandes, daß im 10. Jahrhundert in Bulgarien zwei Alphabete bekannt sind, beide offiziell - das glagolitische und das kyrillische.

Die Frage wurde in der Wissenschaft lange diskutiert. Unterschiedliche Auffassungen bestehen hauptsächlich hinsichtlich der Kyrilliza - von wem sie geschaffen ist und ob sie vor der Glagoliza oder nach ihr entstanden ist. Bezüglich der Glagoliza sind die Gelehrten einmütig: ihr Schöpfer ist Konstantin der Philosoph. Die Glagoliza ist das erste slawische Alphabet. Sie ist eine Neuschöpfung, die sich graphisch von allen damals bestehenden Buchstabensystemen unterscheidet. Wie die Forschung gezeigt hat, haben auch die ersten bulgarischen Schriftsteller, von denen einige direkte Schüler Cyrills und Methodius’ sind, in der Glagoliza geschrieben, so Clemens von Ochrida, Konstantin von Preslaw und der Mönch Chrabr. Und die Glagoliza ist auch das Alphabet, das die aus Mähren vertriebenen Schüler Methodius’ nach Bulgarien mitbringen.

Die aufmerksame Betrachtung des glagolitischen Alphabets zeigt, daß es die Frucht eines schöpferischen Akts einer Persönlichkeit ist. Konstantin hat aus dem griechischen Alphabet einige Grundprinzipien entlehnt und schöpferisch angewandt. Er beginnt sein Alphabet mit dem Buchstaben "a" entsprechend der Tradition der damaligen Alphabete (griechisch, hebräisch, lateinisch) und folgt der Ordnung der griechischen Buchstaben. Dazwischen fügt er diejenigen Zeichen ein, die typisch slawische, im Griechischen nicht vorhandene Laute bezeichnen. Ebenso übernimmt Cyrill das Prinzip der Bezeichnung der Zahlen durch Buchstaben, doch die Zahlenbedeutung der glagolitischen Buchstaben deckt sich nicht mit der Zahlenbedeutung der griechischen Buchstaben, und zwar deswegen, weil Konstantin auch denjenigen Zeichen Zahlenwert beilegt, die im griechischen Alphabet fehlen. Die Buchstabenzahlen folgen bei ihm genau der Reihenfolge der Buchstaben im glagolitischen Alphabet.

Cyrill hat eine ganze Anzahl von Sprachen und Alphabeten gekannt, wie aus der Lebensbeschreibung erhellt. Gestützt auf seine reichen Kenntnisse, hat Cyrill die Graphik der glagolitischen Buchstaben geformt, ohne ein einziges der bekannten Schriftsysteme zu imitieren. Doch da die Gestalt einiger glagolitischer Buchstaben an Zeichen aus der griechischen, hebräischen oder äthiopischen Schrift oder an vorkyrillische Runenzeichen erinnert, sind zahlreiche Theorien über die Glagoliza als graphisches System aufgetaucht - rund 50. Heute überwiegt die Anschauung, daß die Glagoliza auf der freien Inspiration Konstantins auf der Grundlage seiner weitläufigen Beobachtungen beruht. Als direkte Entlehnung ist lediglich der Buchstabe Scha anzusehen, der genauso aussieht wie der hebräische Buchstabe Schin. Es dürfte jedoch falsch sein, die meisten Zeichen der Glagoliza in fremden Alphabeten finden zu wollen.

Eine beachtenswerte Theorie über die graphischen Konstruktionsprinzipien der Glagoliza, die mit theologisch-philosophischen Ideen verknüpft seien, hat Černochvostov aufgestellt. Danach sind die Buchstaben aus den Grundelementen Kreuz, Kreis und Dreieck aufgebaut. Das Kreuz ist das Grundsymbol des christlichen Glaubens überhaupt. Mit ihm beginnt und endet jedes Werk. Deshalb ist der erste glagolitische Buchstabe ein stilisiertes Kreuz: . Das Dreieck ist ein Symbol für die heiligste Dreifaltigkeit. Das Grunddogma des Christentums hat Cyrill sein Leben lang verteidigt. Schon als Knabe erwählte er sich den hl. Gregor von Nazianz, der sich selbst Diener der heiligen Dreifaltigkeit genannt hat, als persönlichen Schutzpatron, lernt seine Bücher auswendig und verfaßt einen Hymnus auf ihn. Der Kreis schließlich versinnbildlicht die Unendlichkeit, Ewigkeit und Vollkommenheit der Gottheit. Mit diesen drei Elementarzeichen, welche Grundsymbole darstellen, ist das glagolitische Alphabet ein Glaubenszeugnis des hl. Cyrill und ein einzigartiger Lobpreis Gottes.

Ein weiteres Geheimnis sind die Benennungen der glagolitischen Buchstaben: az, buky, vede, glagol, dobro, jest, zivete, dzelo, zemlja, ize, gerv, kako, ljudje, myslete, nas, on, pokoj, rci, slovo, tvrdo, uk, frt, her, ot, sta, ci, crv, sa, jer, jery, jer', jat. Sie sind nach dem akrophonischen Prinzip gebaut, das gleichfalls aus dem griechischen und dem phönizischen Alphabet entlehnt ist. Wahrscheinlich kannten die Schüler Cyrill und Methodius’ den Ursprung und die Bedeutung der Benennungen, aber in keinem ihrer Werke sind sie erwähnt. Spätere Generationen haben sie vergessen. Dieselben Benennungen werden in die Kyrilliza übernommen. Jahrhunderte hindurch wurden sie als heilig angesehen, und die Kinder lernten sie auswendig. Erst in der Neuzeit stellte die Philologie die Frage nach ihrer Bedeutung. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, daß die Buchstabenbezeichnungen von den ersten Wörtern der Zeilen eines alphabetischen Akrostich-Gedichtes herrühren (Emil Georgiev). Vermutlich hat Konstantin-Cyrill ein solches Alphabetgedicht als Dankbarkeitserweis an die Hl. Dreifaltigkeit oder als Adresse an die slawischen Völker verfaßt. Danach hat das jeweils erste Wort jeder Zeile die Bedeutung einer Buchstabenbezeichnung angenommen. Auch in linguistischer Hinsicht ist das glagolitische Alphabet ein geniales System. Es entspricht vollkommen den slawischen Sprachlauten, genauer gesagt: den Lauten des südostbulgarischen Dialektes von Saloniki, und bedingt, da jedes Phonem durch einen Buchstaben ausgedrückt wird, eine ideale Orthographie, was bei keiner romanischen oder germanischen Sprache der Fall ist.

Wann und wo erscheint die Kyrilliza? Die ältesten kyrillische Inschriften wurden in alten Städten und Klöstern Nordbulgariens aufgefunden, hauptsächlich in den altbulgarischen Hauptstädten Pliska und Preslaw, in Kreptscha, Ravna u. a. und stammen aus der ersten Hälfte des 10. Jahrhunderts.

In den übrigen bulgarischen Gebieten erscheint die Kyrilliza später (Inschrift Zar Samuils aus dem J. 993, Inschrift Zar Ivan-Wladislaws aus d. J. 1015-1016). In anderen slawischen Ländern sind kyrillische Schriftdenkmäler bis zum Ende des 10. Jahrhunderts nicht bekannt. Daraus folgt, daß die Kyrilliza in einem der bedeutsamen literarischen Zentren Nordostbulgariens entstanden ist. Ihr eigentlicher Erfinder ist unbekannt. Hypothetisch genannt werden Zar Symeon, Johannes der Exarch oder der hl. Cyrill selbst. Sicher ist, daß bisher keine Inschriften oder Handschriften in Kyrilliza entdeckt wurden, von denen man weiß, daß sie vor der Ankunft der Schüler Cyrills und Methodius’ in Bulgarien geschrieben worden sind.

Der Grund für die Schaffung einer zweiten Schrift dürfte wohl - abgesehen von dem einzigen Mangel der Glagoliza, ihrer schwierigeren Lesbarkeit - der Wunsch Symeons gewesen sein, der zur Staatssprache erhobenen Kirchensprache zu einem graphischen Äquivalent zu verhelfen. Dazu mußte die Schrift vielseitiger verwendbar werden (z.B. für Inschriften in Stein und auf Metall) und auch repräsentativer wirken.

Seiner Form nach ist das kyrillische Alphabet nichts anderes als eine Stilisierung der zeitgenössischen byzantinisch-griechischen Unzial- oder Majuskelschrift, ähnlich der gotischen oder der koptischen, unter Wahrung aller Vorteile der Glagoliza. Der Grundvorrat der griechischen Buchstaben ist erweitert um Buchstaben für die speziell slawischen Laute - sch, scht, w, zh, b, dz, z, die Nasalvokale, die reduzierten Vokale u.a.

Diese speziellen Buchstaben gleichen zum großen Teil oder ähneln den entsprechenden Buchstaben in der Glagoliza, vgl. z. B. glagolitisches und kyrillisches Scha, glagolitisches und kyrillisches Tscha, Schta u.a. Daher nehmen die meisten Wissenschaftler an, daß diese kyrillischen Buchstaben aus dem glagolitischen Alphabet entlehnt sind, mit anderen Worten, daß das kyrillische Alphabet eine

griechische Schrift darstellt, die durch Buchstaben ergänzt ist, die ihrem Ursprung nach mit dem Namen Cyrills verknüpft sind.

Beide Schriften bestanden eine zeitlang als gleichwertiges Ausdrucksmittel der ältesten slawischen Literatur nebeneinander. Diese Bigraphik ist ein typisches Merkmal der frühen slawischen Literatur, für die es keine europäischen Parallelen gibt.

In der Glagoliza sind die ältesten und maßgebendsten altbulgarischen Handschriften geschrieben. Erst im 12. Jahrhundert wird die Glagoliza in Bulgarien endgültig durch die Kyrilliza ersetzt. Sehr spät, bis ins 18. Jahrhundert, hat sich nur die kroatische, sogenannte eckige Glagoliza gehalten.

Die Kyrillitza hat von Bulgarien aus ihren Siegeszug zu allen orthodoxen Slawen angetreten und war bis 1710 deren einzige Schrift. In jenem Jahr führte Peter der Große eine wichtige Reform durch. Er schuf durch graphische Vereinfachung der kyrillischen Buchstaben eine Schrift für den rein zivilen Gebrauch. Es war die sogenannte bürgerliche Schrift. Dieses Alphabet deckt sich mit dem, was heute allgemein als die russische Schrift bezeichnet wird. Die alte Kyrilliza wurde dadurch wieder frei für den ausschließlich geistlichen Gebrauch. Die petrinische Reformschrift wanderte bald als eine Art Gegengeschenk von Rußland nach dem slawischen Süden zurück und fand auch bei Serben und Bulgaren Eingang.

3. Die geistig- kulturelle und geistliche Bedeutung der Hll. Cyrill und Methodius

Um die Bedeutung des Lebens und des Werkes der hll. Brüder Cyrill und Methodius zu verstehen, wollen wir einen Blick darauf werfen, was das Lehramt der katholischen Kirche hierüber aussagt. Die wichtigsten Aussagen sind uns in vier Dokumenten vorgelegt. Es sind dies

1. das päpstliche Schreiben Industriae tuae, durch welches Papst Johannes VIII. im Jahre 880 den Gebrauch der slawischen Sprache in der von den heiligen Brüdern übersetzten Liturgie billigte;

2. das Apostolische Rundschreiben Grande munus, mit dem Papst Leo XIII am 30. September 1880 den Kult der beiden Heiligen auf die gesamte Kirche ausgedehnt hat;

3. das apostolische Schreiben Egregiae virtutis vom 31. Dezember 1980. Darin schreibt Papst Johannes Paul II.:

    In Anbetracht der Verehrung und Dankbarkeit, welche die heiligen Brüder von Saloniki (dem alten Thessalonike) seit Jahrhunderten vor allem bei den slawischen Völkern erfahren, und in Erinnerung an den unschätzbaren Beitrag, den sie für das Werk der Glaubensverkündigung unter jenen Völkern und zugleich für die Sache der Versöhnung, des freundschaftlichen Zusammenlebens, der menschlichen Entwicklung und der Achtung vor der inneren Würde jeder Nation erbracht haben, erheben wir die heiligen Cyrill und Methodius zu Mitpatronen Europas.

Damit führte der Hl. Vater die Linie fort, die seine Vorgänger Leo XIII. mit Grande munus und Paul VI gezogen hatten, welcher mit dem Apostolischen Schreiben Pacis nuntius vom 24. Oktober 1964 den heiligen Benedikt zum Patron Europas erklärt hatte;

4. das Apostolische Rundschreiben Slavorum Apostoli Papst Johannes Pauls II. vom 2. Juni 1985. Es hat, wie in der Einleitung gesagt ist, zum Ziel, im Licht des Lehramtes und der pastoralen Ausrichtung des II. Vatikanischen Konzils in einer neuen, reiferen und tieferen Weise diese zwei Heiligengestalten zu betrachten und aus ihrem Leben und apostolischen Wirken jene Botschaft abzulesen, welche die Weisheit der göttlichen Vorsehung darin niederlegte, damit sie sich in unserer Epoche in neuer Fülle zeige und neue Früchte trage. Im Kapitel "Evangelium und Kultur" schreibt der Heilige Vater:

    Die Brüder von Saloniki waren nicht nur Erben des Glaubens, sondern auch der antiken griechischen Kultur, die in Byzanz fortlebte. Es ist bekannt, welche Bedeutung dieses Erbe für die gesamte europäische Kultur und direkt oder indirekt für die Weltkultur hat. ... Dadurch daß die heiligen Cyrill und Methodius das Evangelium mit der einheimischen Kultur der von ihnen missionierten Völker in eine lebendige Einheit gebracht haben, besitzen sie besondere Verdienst um die Bildung und Fortentwicklung eben dieser Kultur, oder besser, vieler Kulturen. Denn alle Kulturen der slawischen Völker verdanken ihren "Anfang“ oder ihre Entwicklung dem Werk der Brüder aus Saloniki. Diese haben nämlich mit der eigenen, originalen und genialen Schöpfung eines Alphabetes für die slawische Sprache einen grundlegenden Beitrag für die Kultur und Literatur aller slawischen Völker geleistet.

    Die Übersetzung der Heiligen Bücher, die von Cyrill und Methodius zusammen mit ihren Schülern durchgeführt wurde, hat der altslawischen (d.h. altbulgarischen) Liturgiesprache Kraft und kulturelle Würde verliehen: Sie wurde für viele Jahrhunderte nicht nur die Kirchensprache, sondern auch die offizielle und literarische, ja sogar die allgemeine Sprache der gebildeteren Schichten des Großteils der slawischen Völker und insbesondere aller Slawen des orientalischen Ritus... Bis heute wird diese Sprache verwendet in der byzantinischen Liturgie der slawisch-orientalischen Kirchen des konstantinopolitanischen Ritus, der katholischen wie der orthodoxen, in Ost- und Südosteuropa sowie in verschiedenen Ländern Westeuropas; ferner wird sie benutzt in der römischen Liturgie der Katholiken in Kroatien.

    In der geschichtlichen Entwicklung der Slawen des orientalischen Ritus hatte diese Sprache eine ähnliche Bedeutung wie die lateinische Sprache im Westen; sie hat sich aber noch länger erhalten - teilweise bis ins 19. Jahrhundert - und einen viel direkteren Einfluß auf die Bildung der einheimischen Literarsprachen ausgeübt dank ihrer engen Verwandtschaft mit ihnen.

    Diese Verdienste um die Kultur aller slawischen Völker und Nationen machen das Werk der Glaubensverbreitung der heiligen Cyrill und Methodius in einem gewissen Sinn ständig gegenwärtig in der Geschichte und im Leben dieser Völker und Nationen.

Im VII. Kapitel der Enzyklika sagt Johannes Paul II.:

    Das apostolisch-missionarische Wirken der heiligen Cyrill und Methodius ... kann als die erste wirkliche Evangelisierung der Slawen betrachtet werden .

    In Bulgarien behauptete und entfaltete sich die Mission von Cyrill und Methodius hauptsächlich durch Gefährten, die aus ihrem ursprünglichen Wirkungsgebiet (Großmähren) ausgewiesen worden waren. Hier entstanden dank des Wirkens des hl. Klemens von Ochrida kraftvolle Zentren des monastischen Lebens, hier entfaltete sich besonders das kyrillische Alphabet. Von hier aus verbreitete sich das Christentum auch in andere Gebiete, über das benachbarte Rumänien bis hin in das antike Rus'-Reich von Kiew, um sich dann von Moskau noch weiter nach Osten auszubreiten ...

    Zu Recht wurden deshalb die heiligen Cyrill und Methodius von der Familie der slavischen Völker schon früh als Väter sowohl ihres Christentums als auch ihrer Kultur anerkannt.

    Ihr Werk bildet einen hervorragenden Beitrag für die Bildung der gemeinsamen christlichen Wurzeln Europas; jener Wurzeln, die wegen ihrer Festigkeit und Lebenskraft einen der solidesten Bezugspunkte bilden, von denen kein ernsthafter Versuch, die Einheit des Kontinents auf neue und heutige Weise wiederherzustellen, absehen kann. Nach elf Jahrhunderten des Christentums unter den Slawen sehen wir deutlich, daß das Erbe der Brüder von Saloniki für jene tiefer und stärker ist und bleibt als irgendeine Spaltung.

    Von den beiden Glaubensboten kann man sagen, daß für sie die Liebe zur Gemeinschaft mit der universalen Kirche, sei es im Osten oder im Westen, und in ihr zur Ortskirche, die sich in den slawischen Völkern gerade herausbildete, charakteristisch war. Sie richten auch an die Christen und an die Menschen unserer Zeit die Einladung, zusammen die Gemeinschaft aufzubauen.

    Cyrill und Methodius sind gleichsam die Verbindungsringe, eine geistige Brücke zwischen der östlichen und der westlichen Tradition, die beide in der einen Tradition der universalen Kirche zusammenfließen. Sie sind für uns Beispiele und zugleich Fürsprecher in den ökumenischen Anstrengungen der Schwesterkirchen des Ostens und des Westens, um durch Dialog und Gebet die sichtbare Einheit in der vollkommenen und umfassenden Einheit wiederzufinden... Cyrill und Methodius sind in ihrer Persönlichkeit und in ihrem Werk Gestalten, die in allen Christen "eine große Sehnsucht nach Gemeinschaft und nach Einheit" zwischen den zwei Schwesterkirchen des Ostens und des Westens wachrufen...

    Indem Cyrill und Methodius ihr eigenes Charisma verwirklichten, leisteten sie einen entscheidenden Beitrag zur Bildung Europas, und zwar nicht nur in der religiösen, christlichen Gemeinschaft, sondern auch für seine gesellschaftliche und kulturelle Einheit.

Zum Schluß seines Rundschreibens empfiehlt der Hl. Vater das geistige Erbe der beiden heiligen Brüder in einem besonderen Gebet der Heiligsten Dreifaltigkeit an.

 

Gunther Maria Michel

Vortrag beim Ostkirchlichen Seminar in Kevelaer (1989?)

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