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Buchempfehlung
„Maria - Stern der Evangelisation"
Das Wort „Evangelisierung" stammt aus biblischem Denken. Im Alten Testament heißt bissar ganz allgemein: eine Freudenbotschaft verkünden. Im Neuen Testament führen Wort und Tat Jesu, des Freudeboten der erwarteten Endzeit, die Gottesherrschaft herbei. Die öffentliche Wirksamkeit Jesu wird von Lukas zusammengefaßt mit dem Wort „predigend und die frohe Botschaft vom Reiche Gottes verkündigend (gr. euaggelizómenos; lat. evangelizans)". Das II. Vatikanum spricht von der Evangelisierung einmal im Zusammenhang mit der „Heiligung der Menschen" und der „Durchdringung und Vervollkommnung der zeitlichen Ordnung mit dem Geist des Evangeliums" (Apostolicam actuositatem 2 u. 6), zum andern mit der „Einpflanzung der Kirche bei den Völkern und Gemeinschaften, bei denen sie noch nicht Wurzel gefaßt hat" (Ad gentes 6). Schon daraus wird klar, daß in der Tat - nach einem Wort Papst Pauls Vl. - die Evangelisierung „das Glück der Kirche, ihre tiefste Identität" ist, setzt doch die Kirche das Wirken Jesu fort bis zu seiner Wiederkunft.
In welcher Beziehung steht hierzu Maria? Dieser Frage war die Jahrestagung des Internationalen Mariologischen Arbeitskreises 1994 in Kevelaer gewidmet. Die Antworten liegen nun auch gedruckt vor in dem Sammelband „Maria, Stern der Evangelisation" aus dem Verlag Ursula Zöller, der mittlerweile 16. Veröffentlichung in der Reihe „Marianische Schriften des IMAK". Im Vorwort greift Herausgeber German Rovira das Leitmotiv des Sterns auf: Maria ist der Morgenstern, der Christus, der strahlenden Sonne der Gerechtigkeit, vorangeht. So kündigte auch ihr Erscheinen im Kriegsjahr 1642 in Kevelaer den Tag des Friedens an.
Von German Rovira ist auch der einführende Beitrag „Stella orientis - Maria und die Neuevangelisierung". Nach ihm muß für die Evangelisierenden unserer Zeit das Beispiel der Evangelisten maßgebend sein, die vor allem zwei Eigenschaften auszeichnete: Treue zum Überlieferten und Begeisterung für die Sache des Herrn. Wie es keinen Christus gibt ohne Maria, so gehören auch Marienverehrung und Evangelisierung zusammen - Beispiel: die Erscheinung von Guadalupe, die den Durchbruch der Evangelisierung Amerikas bedeutete. Dabei ist Maria, die gottbegnadete, die treue Jungfrau, uns nicht nur Vorbild, sondern auch Fürsprecherin.
In „Maria - Stern des Ostens" schildert Joachim Kardinal Meisner die besondere Affinität und Nähe des christlichen Ostens zu Maria, der sich eine ehrfürchtige, erdverbundene Frömmigkeit und eine größere Sensibilität zum Mysterium der Inkarnation bewahrt hat, als der Westen. An den Marienwallfahrtsstätten des Ostens wurde die „sanfte Revolution" eingeübt und eingeleitet. „Marienverehrung ist nicht eine Frage des Frömmigkeitsgeschmacks, sondern eine Existenzfrage für die Kirche, weil sie eine Form der Gegenwart des Heiligen Geistes in der Kirche ist."
Dem irischen Bischof Seamus Hegarty zufolge ist Maria geradezu der „Schlüssel zur Kirche". In ihr ist die Kirche verwirklicht, sind alle Aspekte des Lebens und des Auftrags der Kirche, die Evangelisierung eingeschlossen, verkörpert. Wenn wir die Herausforderungen unserer Zeit einschätzen, so wird heute besonders die Notwendigkeit von Solidarität als Mittel und Werkzeug für die Evangelisierung deutlich. Maria, als „ancilla domini", „sponsa verbi" und „gratia plena" fest verwurzelt in der Dreifaltigkeit, ist das ideale Vorbild für Solidarität und Verbundenheit. Evangelisierung beginnt bei der Selbst-Evangelisierung. Diese weist Hegarty am Leben Marias auf als einen allmählich sich entwickelnden Prozeß.
Theologisch tief gehen auch die „Überlegungen zur Neu-Evangelisierung" von Augel Kardinal Suquia Goicoechea. Maria, die volle Verwirklichung der Erlösung, hat nicht nur ekklesiologische, sondern anthropologische Bedeutsamkeit. Ihre Gestalt und Bestimmung ist paradigmatisch für die menschliche Existenz. Sie ist Urbild der Kirche und zugleich wahrer Menschlichkeit. Der gegenwärtige geschichtliche Zeitpunkt ist charakterisiert durch die Auflösung der modernen europäisch-amerikanischen Kultur und durch die Unfähigkeit dieser „Kultur der Selbstgenügsamkeit", einen Weg aufzuzeigen, der die Würde des Menschlichen wiederherstellt. Nur das Christusereignis, in dessen Herzen Maria ist, gibt der Geschichte und dem Einzelleben Sinn. Evangelisierung geschieht nicht in rigoroser Planung und unfruchtbarem Aktivismus, sondern in Freiheit, die sich Gott überläßt. Nicht wir selbst, der Heilige Geist ist Hauptperson der Evangelisierung. An Maria wird der absolute Primat des Handelns Gottes sichtbar. Alles andere als dem Zeitgeist huldigend, hebt Goicoechea die Jungfräulichkeit in der Kirche geradezu als die Bedingung der Evangelisierung hervor, insofern sie den definitiven und totalen Charakter des Christusereignisses bezeugt.
Aus ganz anderer Sicht, der einer aktiven Politikerin, behandelt Monika Brudlewsky (MdB) das Thema „Gebet - Alltag – Neu-Evangelisierung". Lebendig erzählt sie von den Bewährungsproben des Glaubens in den neuen Bundesländern vor und nach der Wende, wenn man „keinem anderen Stern nachfolgt, als dem Stern von Bethlehem".
Ein Abstecher in die Geschichte: der Beitrag „Marianische Musik in der Zeit der katholischen Reform - Musik als Mittel zur Evangelisierung" von Karlheinz Höfer, beschließt den Band. - Wem die Neu-Evangelisierung am Herzen liegt, wird mit Gewinn dieses Buch lesen und wertvolle Anregungen daraus erhalten. (gmm)
Gunther Maria Michel
In: KIRCHE heute Nr. 9/95, S. 25
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