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Das Gnadenbild der Muttergottes von Čiprovci

Einst bei den Katholiken von Čiprovci wurde die Gottesmutter hoch verehrt. Ihr waren die Kirche und das Franziskanerkloster in Čiprovci geweiht. Eine alte Ikone, die auf dem Altar der Kirche stand, mit einer halbfigürlichen Darstellung zog Pilger aus der ganzen Region an.

Die Ikone war das Werk eines unbekannten Ikonenmalers aus dem 14. Jahrhundert, eines Anhängers der damaligen italienischen Ikonenmalerschule. Ein Augenzeuge beschreibt sie so: "Sie ist auf ein Brett gemalt, und die Gottesmutter ist dargestellt nach dem Vorbild der alten Ikonen sowohl in Hinsicht auf die Kleidung als auch auf alle Konturen. Auf dem linken Arm hält sie den kleinen Jesus, an dessen Haupt die Buchstaben ИС ХС zu sehen sind, auf der rechten Seite steht MP, auf der linken Seite ΘΥ. Der Rahmen ist aus Hartholz gearbeitet und mit aus Silber gegossenen Blumen verziert." Diese Beschreibung stimmt überein mit der einzigen uns erhaltenen Abbildung der Ikone. Sie ist abgedruckt in dem vor nicht allzu langer Zeit entdeckten Buch Jakob Lirs aus dem Jahre 1747, das speziell der Geschichte dieser Ikone und dem Text der Chronik des ehemaligen bulgarischen Franziskanerklosters in der Stadt Karlsburg (rumänisch: Alba Julia), in dessen Kirche die Ikone in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufbewahrt wurde, gewidmet ist.

Ein ähnliches Aussehen haben auch die Mosaikikone um 1200 aus dem serbischen Athoskloster Chilandar oder das Gnadenbild Maria Pötsch im Stephansdom zu Wien. Sie sind typische Vertreter des Hodegetria-Ikonentyps: Maria, in Halbfigur, leicht nach links gewandt, weist mit der Rechten in verehrender Geste auf das Kind, das sie auf ihrem linken Arm trägt. Das Kind, in voller Gestalt, sitzt ein wenig nach links gewandt, segnet mit der Rechten und hält in der Linken eine geschlossene Schriftrolle - in späteren Abwandlungen auch das Evangelienbuch. Beide blicken aus dem Bild heraus. In den oberen Bildecken erscheint in kleinerem Maßstab die Halbfigur je eines Engels mit verhüllten Händen.

Die Hodegetria (neugr.: odijitria; bulg.: pâtevoditelka) ist eines der am meisten verehrten Marienbilder postikonoklastischer Zeit. Ihr Name, der "die den Weg (sc. Jesus Christus) Weisende" bedeutet, rührt eigentlich vom Standort des Klosteranlage der Wegführer, der Hodegôn, in Konstantinopel her. Nach alter kirchlicher Überlieferung hat der Evangelist Lukas, bekannt als Arzt und als Maler, die Gottesmutter gemalt, als sie nach der Himmelfahrt Jesu vom Ölberg zurückkehrten. Das Portrait soll ihr gefallen haben, und in geistiger Freude habe sie leise gesprochen: "Möge meine Gnade mit dieser Ikone sein." Der Apostel Lukas habe diese dann nach Antiochien dem ehrwürdigen Theóphilos geschickt, dem er ja sein Evangelium und die Apostelgeschichte gewidmet hat.

Hier soll sie lange Jahre Gegenstand großer Verehrung gewesen sein. Danach sei sie nach Jerusalem gebracht worden. Als Jerusalemer Ikone macht Kaiserin Eudokia, die Gemahlin Theodosius’ II. (408-450), sie der hl. Pulcheria, Schwester des Kaisers, zum Geschenk. Diese wiederum stellte sie zur öffentlichen Verehrung in der Kirche des Konstantinopeler Stadtteils Blachernai auf - daher ihr ständiger Name Hodegetria von Blachernai (odijitria Vlacherniótissa; bulg.: vlahernska odigitria). Wissenschaftler nehmen heute an, daß die Hodegetria im 5. und 6. Jahrhundert in Syrien bzw. Palästina entstanden ist. Die Überlieferung berichtet weiter, daß ein Nachbild der Jerusalemer Muttergottes mit Bischof Lazarus, dem Bruder Marthas und Marias, den Jesus von den Toten auferweckt hat, nach Zypern geht. Martha und Maria wiederum zusammen mit Maximinus trugen sie nach Gallien für ihre dortige apostolische Tätigkeit. Jedenfalls ist die Hodegetria in zahllosen Kopien in der ganzen Ostkirche verbreitet und geradezu ein Topos der Rechtgläubigkeit geworden.

Die Ikone von Čiprovci ist also eine Hodegetria. Nach Bulgarien brachten sie bosnische Franziskanermissionare, die im Jahre 1366 vom ungarischen König Ludwig ausgesandt waren, um die Bevölkerung der zeitweilig von ihm eingenommenen bulgarischen Gebiete zum katholischen Glauben zu bekehren. Anfangs wurde sie in einer provisorischen Gebetskapelle aufbewahrt, doch nachdem sie dreimal nacheinander geheimnisvollerweise auf dem oberhalb von Čiprovci gelegenen Hügel aufgefunden wurde, errichtete man dort eine Kirche und stellte die Ikone darin auf dem Altar auf. Der Überlieferung zufolge ließ eine Witwe, die lange Zeit von schwerer Krankheit gequält war und durch Vermittlung der Gottesmutter Heilung erlangt hatte, aus Dankbarkeit die Ikone mit silbernen Beschlägen verzieren. Die Ikone von Čiprovci begann durch weitere Wunder und Zeichen zu Ruhm zu gelangen, was den katholischen Erzbischof von Sofia Stefan Kneževič bewog, ihre öffentliche Verehrung auszurufen. Das geschah durch ein eigenes, entsprechend den Vorschriften der katholischen Kirche herausgegebenes Dekret.

Beim Aufstand von 1688 wurde Čiprovci verwüstet und niedergebrannt. Katholischen Mönchen glückte es, die Ikone aus den Flammen zu retten. Sie schlossen sich der vor der türkischen Rache flüchtenden Bevölkerung des Čiprovecer Gebietes an und gelangten mit der Ikone über die Donau bis ins Fürstentum Rumänien (Walachei). Im Winter 1688 erreichten sie Hermannstadt (rumänisch: Sibiu) in Siebenbürgen (Transsilvanien). Dort hatte sich auch der katholische Erzbischof von Sofia Stefan Kneževič mit einigen den Türken entronnenen Geistlichen und vielen Flüchtlingen aus Čiprovci niedergelassen. Die Ikone wurde vorübergehend in der dortigen Jesuitenkapelle aufgestellt, wo auch die katholischen Flüchtlinge aus Čiprovci dem Gottesdienst beiwohnten.

Nach der Befriedung Siebenbürgens vom Rákóczy-Aufstand im Jahre 1711 wurde die "Wundertäterin" (bulg. čudotvórka) in die alte Thronstadt des ehemaligen Fürstentums Transsilvanien überführt, nämlich nach Karlsburg (rum. Alba Julia), und in die bulgarische Kirche gestellt, die von Franziskanern der bulgarischen Ordensprovinz betreut wurde. Von hier aus verbreitete sich rasch der Ruhm der Ikone, und das kleine Franziskanerkirchlein wurde zum Anziehungspunkt für die ortsansässigen katholischen Bulgaren und Ungarn ebenso wie für die im Fürstentum Rumänien verstreut lebenden Flüchtlinge aus Čiprovci.

Bald war die Kirche zu eng, um die Verehrer der Muttergottes von Čiprovci zu fassen. Es erwies sich als notwendig, eine zweite, geräumigere Kirche zu bauen. Am 8. Dezember 1742, am Fest der Unbefleckten Empfängnis, wurde das heilige Bild in feierlicher Prozession in die neue Kirche überführt. "Unter Paukenschlag und Trompetenklang wurde sie zur öffentlichen Ehrerweisung ausgesetzt und mit tiefer Ehrfurcht auf dem Hauptaltar aufgestellt."

Die öffentliche Kulterweisung für das bulgarische Wunderbild in der neuen Kirche wurde durch ein besonderes Dekret des katholischen Bistums Karlsburg aus demselben Jahr

approbiert, das auf Antrag der Ordensleitung der bulgarischen Franziskanerprovinz erlassen wurde. Das Ersuchen wurde begründet mit der Gewißheit von der durch zahlreiche Wunder bekräftigten Wunderkraft der Ikone. Dem Antrag waren folgende schriftlichen Beweisdokumente beigefügt:

1) ein Text mit 26 eigenhändig unterschriebenen Erklärungen verschiedener Personen, welche durch die Gottesmutter in Bulgarien und im rumänischen Fürstentum vollbrachte Wunder bestätigten;

2) ein Brief der bulgarischen Gemeinde in der Stadt Rîmnicu Vîlcea (bulg. Ribnik) mit Datum vom 1. Mai 1737, unterschrieben vom Richter Nikola Markanin und den sechs Schöffen, welcher die von der Ikone in Čiprovci gewirkten Wunder bestätigte; dem Brief lag ein Begleitschreiben mit einer Beglaubigung des Reichshofmeisters des Kreises Volca (Rîmnicu Vîlcea) Anton Wilhelm Mohnstocker vom 5. Mai 1737 bei, welcher bestätigte, von ehrbaren Leuten, in Ribnik wohnhaften Bulgaren, von diesen Wundern vernommen zu haben;

3) eine Zeugenaussage, niedergelegt von der bulgarischen Gemeinde von Terziopol (heute: Vinga/Banat) und unterschrieben vom Richter Nikola Kačamag und vier Schöffen, welche bestätigte, daß "wir von unseren glaubwürdigen Vorfahren gehört haben, daß die Selige Jungfrau von Čiprovci vor der Vernichtung Bulgariens Tränen vergossen hat", begleitet von dreizehn eigenhändig unterzeichneten Erklärungen von Einwohnern der Gemeinde, welche durch die Wundertäterin in Siebenbürgen und im rumänischen Fürstentum vollbrachte Wunder bestätigten;

4) andere Zeugenaussagen "ehrbarer Personen" über Wunder, die in der Stadt Karlsburg (Alba Julia) geschehen waren: und zwar von Reichsarzt Johann Justus Franziskus Gleb; von Bruder Andrej Merdžanovič u. a.

Nach dem Eingang des Antrags wurde eine Sondersitzung des Diözesankonsistoriums abgehalten, auf der die vorgelegten Dokumente behandelt und eine Menge Zeugen unter Eid angehört wurden. Diese bekräftigten einmütig, daß "durch den Kult und die Verehrung der Ikone Blinde das Augenlicht, Stumme die Sprache, Lahme festen Tritt erhalten hätten... Halbtote, schon für tot gehalten, seien ins Leben zurückgekehrt... von einem Augenblick auf den andern seien Menschen vom Wahnsinn und vom bösartigen Fieber geheilt worden. Nach kompetenter Erörterung billigte das Konsistorium einhellig (den Antrag) und rief die Ikone endgültig als wundertätig und des öffentlichen Kultes würdig aus...".

Die Pracht der neuen Kirche - sie hatte eine Orgel und einen Glockenturm mit vier Glocken - und das Dekret des Karlsburger Bistums ließen die Aureole des Gnadenbildes noch heller leuchten. Ein Wunder folgte dem andern, die Zahl der Wunder wuchs ständig. Von den etwa hundert bekannt gewordenen Wundern, die in der Karlsburger Chronik beschrieben sind, entfällt ein bedeutender Anteil auf Heilungen von verschiedenen Krankheiten (Pest, Paralyse, Blindheit, Herzleiden und unbekannte Krankheiten), auf Hilfeleistung bei schwerer Geburt und bei Kinderlosigkeit, Befreiung aus Gefangenschaft, Wiederfinden verlorener Wertsachen, Bewahrung des Großviehs vor Seuche u. a.

Die meisten derer, die durch Vermittlung des Gnadenbildes göttliche Gnade empfingen, waren bulgarische Flüchtlinge aus der Gegend von Čiprovci und ihre Nachkommen, die im rumänischen Fürstentum (in den Städten (bulg.) Krajova, Târgovište, Ribnik, Kampolung, Bradičen, Târgu-Žiu u. a.), in Siebenbürgen (Alba Julia, Sibiu, Deva, Alvinc u. a.) und im Banat (Vinga) lebten. Unter ihnen waren Richter und Schöffen, reiche Kaufleute und Mitglieder der bulgarischen Adelsgeschlechter Bibičevi, Kačamamagovci, Prentičovi, Stanislavič, Frankovič u. a. Nicht klein war auch die Zahl der Personen anderer Nationalitäten, darunter Vertreter der höheren Aristokratie - wie Fürstin Maria, Tochter des rumänischen Fürsten Šerban Kantakuzino, die ungarische Gräfin Kalnoky, Baron Eisenberg u. a., sowie österreichische Offiziere und Beamte.

Aus Dankbarkeit schmückten die Verehrer der Gottesmutter das Gnadenbild mit Kostbarkeiten und machten der Kirche die verschiedensten Geschenke. Die Liste der Spender ist lang, und die Spenden sind vielfältig.

So beispielsweise schenkten die Bulgaren Mihail Puenin und Ana Dojna der Kirche eine Glocke, der Hüter des Münzhofs in Karlsburg Leopold Kirchberger behängte die Ikone mit 28 echten Perlenketten, Marko Puenin und Ivan Markakokin schenkten der Kirche silberne Kelche, Maria Bibičeva - einen silbernen Gabenschrein, Nazissus Ferdinand de Vega - zwei Leuchter, Luka Bibič - vier große Silberleuchter und ein silbernes Kruzifix, Nikola Kačamag - ein teures goldgewebtes Felonion (d. i. Meßkasel), Maria Fužina - sechs Goldstücke, Lukas von Russe - einen venezianischen Kelch, Baron Ignaz Kolb - ein kostbares befranstes Gewebe, das um die 50 rheinische Florin kostete, Margarita Kačamag - einen goldenen Ring, Anton Bibič - ein silbernes Weihrauchfaß, u. v. a. m.

Die durch soviele Wunderzeichen berühmt gewordene altehrwürdige Ikone der vormaligen katholischen Kirche von Čiprovci ging, wie man sagt, tragisch unter.

Am 29. November 1751, nach der letzten Liturgie in der Karlsburger bulgarisch-katholischen Kirche, entfachte ein Funke von einer nicht richtig gelöschten Altarkerze einen heftigen Brand, von dessen Flammen die ganze Kirche erfaßt wurde. Die Ikone verwandelte sich in einen Aschenhaufen, die an ihr aufgehängten silbernen und goldenen Gaben, der Gabenschrein und die zinnernen Orgelpfeifen zerschmolzen...

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Der geschilderte Untergang des Gnadenbildes macht betroffen und stimmt nachdenklich.

Rund vierhundert Jahre ist die Ikone alt geworden. Ihrer Entstehungszeit im Spätmittelalter nach ist sie etwa gleichaltrig mit der berühmten Suzdaler Platytéra-Ikone (heute Tretjakov-Galerie, Moskau), die durch das Marianische Jahr ziemlich bekannt geworden ist. Der Zeitpunkt ihres Untergangs fällt genau auf den Höhepunkt der barocken Wallfahrtsbewegung mit ihren prunkvollen Festprozessionen (z. B. im Jahre 1757, sechs Jahre nach der Feuersbrunst in der Karlsburger Kirche, wallfahrten nach Mariazell in Österreich 373 000 Pilger!).

Das meiste in der Biographie dieser Wunderikone ist typisch: sie bestimmt selbst den Ort ihrer Verehrung - so auch z.B. die Ikone der Muttergottes von Bačkovo in den bulgarischen Rhodopen, die aus einem Kloster in Georgien bis nach Bulgarien geflogen sein soll, oder die Wegweiserin vom Athos, die sich dreimal übernatürlich aus dem Vatopedi-Kloster ins Kloster Xenophóntos entfernt hat; ferner die Ortswahl auf einem Berg oder Hügel - man denke an die Madonna von Jasna Góra von Tschenstochau; die Präsentierung auf einem Altar; die Beschlagung mit Gold oder Silber, typisch für ostkirchliche Ikonen, und ihr übriger Gabenschmuck zum Zeichen der Dankbarkeit; die Heilungen und anderen Wunder; ihre Mitführung auf der Flucht - so flohen auch die Ikonen aus dem ikonoklastischen Byzanz auf den Berg Athos und in andere Länder; das Vergießen von Tränen - bezeugt schon in den Konzilsakten des II. Nizänums von einer Muttergottesikone in Sozópol am Schwarzen Meer, und heute vor unseren Augen geschehend an vielen Orten der Erde (Syrakus, Mechelen, in Japan u. a.); die besondere Verbindung des Gnadenbildes mit einer bestimmten Volksgruppe usw.

Auch der Untergang des Gnadenbildes hat traurige Vorbilder. Der berühmteste Fall ist wohl das Schicksal der Ur-Hodegetria, die 1453 von den Türken, als diese Konstantinopel eroberten, in kleine Stücke zerhauen und vernichtet wurde. Freilich, nicht nur Heiden haben gegen Ikonen gewütet, sondern auch die Christen selber. Jahrhunderte lang erschütterte die Ostkirche der Bilderstreit. Der byzantinische Kaiser Leo III. verbot 730 die Bilderverehrung im ganzen Reich, und ein Konzil von Hiereia 754 unter Kaiser Konstantin V. ordnete die Vernichtung sämtlicher religiöser Bilder an. Erinnert sei an den Bildersturm der Protestanten im 16. Jahrhundert. Einem Bildersturm ähnlich war auch das, was sich nach dem II. Vatikanischen Konzil in vielen katholischen Kirchen abspielte...

Warum ist das Gnadenbild von Čiprovci verbrannt? Ein Funke von einer nicht richtig gelöschten Altarkerze... Offensichtlich aus einer Fahrlässigkeit der Betreuer des Heiligtums. Und durch göttliche Zulassung. Das Unglück brauchte nicht zu passieren, oder es hätte einen anderen Ausgang nehmen können. So besteht eine kretische Ikone im Athoskloster Koutloumousiou, die den Namen „Furchterregende Beschützerin“ (Foverà Prostasía) trägt, wie es heißt aus unverbrennbarem Holz. Sie hat, wie die kleinen Brandblasen im Gesicht beweisen, verschiedene Kirchenbrände heil überstanden. Sie soll sogar brandschatzenden türkischen Soldaten getrotzt haben, die plündernd und sengend zahlreiche Klöster überfielen.

Der Untergang der Čiprovci-Madonna, der Tausenden von Verehrern der Gottesmutter untröstlichen Schmerz zufügte, enthält ohne Zweifel eine Warnung. Er läßt uns fragen nach dem Wesen und nach dem Wesentlichen der Bilderverehrung.

Es ist erlaubt und nützlich, die Bilder der Heiligen zu verehren - mit dieser Lehre beendete das II. Konzil von Nicäa 787 den dogmatischen Bilderstreit, und als der Streit im Osten danach erneut aufflammte, sanktionierte die Einsetzung des „Festes der Orthodoxie“ 843 durch Kaiserin Theodora endgültig dort den Bilderkult.

Nach der Lehre des Nizänum II ist die den Bildern der Heiligen erwiesene Verehrung ein relativer "cultus duliae": es ist erlaubt, die "verehrungswürdigen und heiligen Bilder" Christi, der Gottesmutter, der Engel und aller Heiligen aufzustellen und ihnen eine ehrerbietige Huldigung (timetikèn proskýnesin), jedoch nicht die Gott allein gebührende Anbetung im wahren und eigentlichen Sinne (alethinèn latreían) zu erweisen. "Denn die Ehre, die man dem Bild erweist, geht auf das Urbild über, und wer das Bild verehrt, der verehrt die Person des in ihm Dargestellten." Nach der Lehre der Kirche geht es beim Gnadenbild also zuerst um die dargestellte Person, nicht um ihre Abbildung. Wer vor einem solchen Bild betet, begibt sich in die Gemeinschaft all derer, die vor ihm gebetet haben, in eine ununterbrochen lange Tradition. Er wird ein Glied derer, die im Namen Christi versammelt sind und die Gewißheit haben, daß er mitten unter ihnen ist. Und im Beten vor dem Marienbild wird eine Gemeinschaft durch die Zeiten gebildet, die die Mutter Christi als Mittlerin sieht.

Hier gibt es keine Unterschiede zwischen dem Westen und dem Osten. Dieser geht aber in einem Punkt weiter. Die Dargestellten werden durch das Bild gegenwärtig, sie "scheinen durch das Bild hindurch" oder gelten als "gleich dem Schatten des Originals" (Theodor Studita). Wie der Schatten des Apostels Paulus wunderbare Heilungen bewirkte, so kann auch vom Bild der Heiligen Wunderkraft ausgehen. Seit dem Mittelalter kommt auch im Westen den Gnadenbildern eine Verehrung zu, die die Anwesenheit des Dargestellten vorauszusetzen scheint. Die überschwengliche Verehrung der Blachernen-Hodegetria behauptete sogar, daß der Heilige Geist in Person auf sie niedersteige, wenn sie in feierlicher Prozession durch die Stadt ziehe.

Demgegenüber betont das Trienter Konzil in seinem Dekret über die Bilderverehrung: Die den Andachtsbildern erwiesene Verehrung darf nicht auf dem Glauben beruhen, "es wohne ihnen etwas Göttliches oder eine Kraft inne, weshalb man sie verehren müsse; oder als ob man sie um etwas bitten könne; oder als ob man seine Zuversicht auf Bilder setze, wie einst die Heiden"; die vielfältigen Formen der den Bildern erwiesene Ehre beziehen sich vielmehr auf das von ihnen dargestellte Urbild, etwa Christus und die Gottesmutter.

Sich auf diese Konzilsentscheidungen berufend, formulierte der Theologe B. Bartmann: "Es besteht keinerlei Kausalnexus zwischen dem Bilde an sich und einer etwaigen Erhörung. Gott selbst ist die Wirkursache; er verknüpft sie nur äußerlich mit dem Bilde; nicht wegen des materiellen Bildes, sondern wegen des Vertrauens auf die Fürbitte des dargestellten Heiligen, welches letztlich nur ein Vertrauen auf Gott selbst, seine Güte und Gnade sein darf".

Wodurch lebt also, vom Menschen aus gesehen, ein Gnadenbild? Durch das Gebet, denn das Gebet ist, nach einer schönen Formulierung des Mariologen Franz Courth, die dem Gnadenwirken Gottes geöffnete Gebärde des Menschen. Das Zentrum aber des Gebetes ist die Anbetung des dreifaltigen Gottes.

 

Gunther Maria Michel

Vortrag, gehalten am 3. März 1989 in Kevelaer, Petrus Canisius Haus, bei der I. Bulgarischen Wallfahrt aus Anlaß des 300jährigen Jubiläums des Tschiprovzi- Aufstandes gegen das osmanische Joch

 

Verwendete Literatur:

Bartmann, Bernhard: Lehrbuch der Dogmatik II, Freiburg i. Br., 71929

Braunfels, Wolfgang: Maria Vesperbild, in: Lexikon der christlichen Ikonographie, Bd. III, Rom-Freiburg-Basel-Wien 1971

Courth, Franz: Wallfahrten zu Maria, in: Handbuch der Marienkunde, hrsg. Wolfgang Beinert u. Heinrich Petri, Regensburg 1984

Guth, Klaus: Geschichtlicher Abriß der marianischen Wallfahrtsbewegung im deutschsprachigen Raum, in: Handbuch...

Kolb, Karl: Typologie der Gnadenbilder, in: Handbuch...

Ott, Ludwig: Grundriß der katholischen Dogmatik, Freiburg-Basel-Wien 101981

Pimen, Nevrokopski Mitropolit: Sveta Bogorodica - Život i proslava, Sofija 1981

Telbizov, Karol: Strannata istorija na edna bâlgarska ikona ot XIV v.

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