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Bischof Eugen Bossilkov (1900-1952): Märtyrer Christi und Verehrer Mariens

„Uns einfühlen in ihr Herzensleben, in ihre Gedankenwelt”

              P. Dr. Ivan Sofranov CP, Vizepostulator in der Causa Bossilkov, in Freundschaft zugeeignet.

1. Die Kirche in Bulgarien

Bulgarien in seiner geschichtlichen Ausdehnung gehört zur ältesten „christlichen Erde" in Europa. In dieses Gebiet setzte der hl. Paulus seinen Fuß bei seiner zweiten Missionsreise (Apg 16f). In den beiden römischen Provinzen Mösien und Thrakien entfaltete sich früh ein blühendes christliches Leben. In Thrakien sind bereits im 2. Jahrhundert Bischofssitze belegt. In der Zeit der Christenverfolgungen durch die römischen Kaiser, besonders unter Diokletian, starben viele Balkanchristen als Märtyrer. Im 4. Jahrhundert wurde das Christentum Staatsreligion. Herakleia, Philippopolis (Plovdiv) und Trajanopolis bildeten damals bedeutende kirchliche Zentren. Als in der Völkerwanderung die Slaven die Balkanhalbinsel bis tief nach Griechenland hinein überfluteten, konnten sie das Licht des Christentums in Konstantinopel (Carigrad), Thessalonike (Solun), Philippi, Philippopolis, Hadrianopolis (Odrin), Mesembria (Nessebär), Dyrrhachium (Drac, Durres) und anderen Bischofssitzen nicht löschen. Von diesen Zentren aus begann, lange vor der Taufe Bulgariens durch Fürst Boris 864/865, die Christianisierung der heidnischen Bevölkerung. Auch zu den turanischen Bulgaren gelangte der christliche Glaube. Im Jahre 528 ließ sich Grod (Gordas), Führer des Bulgarenstamms der Kutriguren am Asowschen Meer, in Byzanz taufen; sein Taufpate war Kaiser Justinian. Ebenso waren schon die Khane Kubrat (584-641) und Cerig/Telerig (8. Jh.) getauft.

Von Anfang an war die bulgarische Kirche, die 927 von Konstantinopel als Patriarchat anerkannt wurde, hin- und hergerissen zwischen Rom und Konstantinopel. Während der Kreuzzugszeit, 1204, empfing Kalojan von Papst Innozenz III. die Königskrone für das Zweite Bulgarische Reich, und Erzbischof Basilius von Târnovo mit dem Titel eines Primas von Bulgarien und der Walachei das Pallium. Nur bis 1235 dauerte die Union mit Rom. Unter den Beschlüssen des Unionskonzils von Ferrara-Florenz 1439 findet sich auch die Unterschrift des Erzbischofs von Târnovo, Ignatius. Freilich setzte sich die Kirchengemeinschaft nie wirklich durch. Mit der Zerschlagung des Zweiten Zarenreiches durch die Türken (Eroberung von Tâmovo 1393 und Vidin 1396) wurde die bulgarische Kirche wieder der byzantinischen angegliedert. Die Anfänge des lateinischen Christentums in Bulgarien gehen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Besondere Verdienste um die Missionierung erwarben sich die Franziskaner. Sie bekehrten im 17. Jahrhundert die Volksgruppe der Paulicianer (Bogomilen). Die Passionisten kamen 1781 nach Bulgarien und gründeten damit ihre erste Niederlassung außerhalb Italiens. Von Nikopol aus betreuten sie die Paulicianer und missionierten unter der orthodoxen Bevölkerung. Die bulgarischen Katholiken des byzantinischen Ritus gehen auf die 1859-60 in Konstantinopel, Thrakien und Makedonien verwirklichte Union mit Rom zurück. In der „Volksrepublik" Bulgarien seit 1945 wurde die römisch-katholische Kirche grausam verfolgt Das kommunistische Regime versuchte, sie von Rom abzutrennen und zu vernichten. Einer der Märtyrer, die für ihre Treue zu Christus und zum Papst den Tod auf sich nahmen, war der Passionist und Bischof von Nikopolis Msgr. Dr. Eugen Bossilkov.

2. Das Leben und Martyrium des Eugen Bossilkov

Bossilkov wurde am 16. November 1900 in Belene am bulgarischen Donauufer geboren. Seine Eltern - einfache und tiefgläubige katholische Bauern, die von bekehrten Paulicianem aus dem Banat abstammten - tauften ihn auf den Namen Vinzenz (Vikentij). Seine Mutter lehrte ihn von klein auf eine tiefe Ehrfurcht vor dem Priestertum, der Kirche und dem Gottesdienst. Ein Ereignis aus seiner Kindheit wirft Licht auf die wichtige Rolle, die die Mutter für seine Priesterberufung spielte. Fast immer, wenn die Mutter das Vieh auf die Weide an der Donau trieb, nahm sie Vinzenz mit. Einmal entfernte sich der kleine Wildfang beim Spielen unbemerkt von seiner Mutter. Er rutschte aus und fiel in den tiefen Fluß und fing an, nach seiner Mutter um Hilfe zu schreien. Die erschrockene Frau warf sich dem Kind hinterher und legte in diesem Augenblick das Gelübde ab, wenn es ihr glückte, es zu retten, es für immer Gott und der Kirche zu weihen.

Sie erfüllte ihr Versprechen und gab den kaum Elfjährigen nach der Grundschule auf das kleine Seminar der Passionistenpatres in der Stadt Russe, wo der Bischof von Nikopolis, damals der Holländer Damian Theelen, residierte. Der Bischof soll den kleinen Vinzenz sehr gemocht und einmal im Scherz vorausgesagt haben, daß Vinzenz ihm auf dem Bischofssitz von Nikopolis nachfolgen werde. So sollte es später auch kommen. Mit dreizehn Jahren wurde Vinzenz nach Belgien geschickt, wo er eine Gymnasialausbildung im Kolleg der Passionisten im Dorf Ere begann. Als er Abschied von seinen Verwandten nahm, legte ihm seine Mutter zärtlich, aber streng ans Herz, um jeden Preis in seiner geistlichen Berufung auszuharren gemäß den Worten Christi: „Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes."

Nach dem Zeugnis seiner Mitschüler war der ungestüme Vinzenz weder ein hervorragender Schüler noch von blinder Folgsamkeit. Als junger Bursche ging er lieber spielen oder sich sonst vergnügen. Von Wesensart fröhlich und zum Scherzen aufgelegt, aber auch großzügig und umgänglich, gewann er leicht die Zuneigung seiner Altersgenossen. Der Erste Weltkrieg nötigte die Klostervorsteher, ihre Zöglinge ins neutrale Holland umzusiedeln. Dort wurde Vinzenz von einer wohlhabenden Familie in Sambeek an Kindes Statt angenommen, die seine Ausbildung finanzierte. Hierher ist er später öfter zurückgekommen, diese Familie war ihm nach seinen Eltern „die liebste auf der Welt", und hier wurde er bei seinem letzten Besuch 1948 zum „Bürger von Sambeek" erklärt.

Nach dem Krieg kehrte Bossilkov nach Ere zurück, wo er ins Noviziat eintrat und 1920 mit den Gelübden den Ordensnamen Eugen (Evgenij) annahm. Im holländischen Mook und belgischen Wezembeek studierte er dann Philosophie und Theologie. Als 1924 die holländischen Passionisten ein neues Kloster in Russe errichteten, um eine eigene Provinz zu bilden, wurde auch Bossilkov dorthin beordert. Am 20. Juli 1926 empfing er in der Kathedrale von Russe von Monsignore Theelen die Priesterweihe. 1927 sandte ihn sein Bischof zum Studium ans Päpstliche Orientalische Institut in Rom. Dort promovierte er zum Doktor der Theologie mit einer Arbeit über „Die Einheit Bulgariens mit der römisch-katholischen Kirche".

Nach seiner Rückkehr 1932 ernannte ihn der Bischof sogleich zu seinem Sekretär, bald darauf aber, 1934, auf Bossitkovs Wunsch zum Pfarrer von Bârdarski-Geran, einer von banatisch-paulicianischen Katholiken gegründeten Gemeinde in der Donauebene. Hier erbaute Bossilkov eine neue Kirche, gründete ein Gemeindehaus, verstärkte die Katechese und intensivierte die Arbeit mit der Jugend, die er selbst als Religionslehrer unterrichtete. Pater Ivan Sofranov, der spätere Vize-Postulator im Seligsprechungsprozeß, schreibt über diese Zeit: „Ich erinnere mich an unseren jungen Pfarrer Pater Evgenij auch sozusagen als ,Sportler`: Er spielte mit uns jungen Burschen, ging auf die Jagd gekleidet wie die anderen Jäger, fuhr schweres Motorrad oder Auto, spielte Schach und Tabla und liebte Musik; er war ein guter Orgelspieler und hatte eine schöne Stimme (Tenor). Als Fußballer jedoch bot er keinen Anblick! Wenn wir auf dem Feld spielten, waren wir einigermaßen in der erforderlichen Uniform, aber er als Priester mußte die in diesem Fall sehr unbequeme und lächerliche Soutane ausziehen und in langen Hosen spielen. Fügt man zu all diesen, bislang ‘unerhörten’ sportlichen Bekundungen noch den weißen Kragen des Weltklerus, durch den er sich von den Mönchen unterschied, dann haben wir alle Elemente zusammen, um die Kritik zu erklären, die er (hinter den Kulissen) von seiten seiner Passionistenkollegen zu erdulden hatte, die sich mit solchen ‘weltlichen’ Abwandlungen der strengen Mönchsregeln nicht abfinden konnten ... Aus seinen Briefen und anderen Zeugenaussagen geht hervor, daß sich hinter der kleinen Mitgliedskarte (des Fußballclubs) ein moderner Glaubensapostel verbarg, der bei weitem seine Mitbrüder überholt hatte, die es vorzogen, die Widrigkeiten und Risiken der modernen Zeit zu meiden ... Mit Paulus konnte Bossilkov sagen: ‘Ich wurde ein Fußballer mit den Fußballern und ein Jäger mit den Jägern, um sie für das Himmelreich zu gewinnen!’"

Bossilkov war ein hervorragender Prediger weit über die Diözese hinaus. Als einer der ersten katholischen Geistlichen erwarb er das Vertrauen vieler Orthodoxer und konnte die Kontakte zu intellektuellen Kreisen wie auch zu Regierungsbehörden festigen. Ganz Bulgarien wurde auf ihn aufmerksam, als er in Sofia zum 250. Jahrestag des Aufstandes von Tschiprovzi gegen die Türkenherrschaft eine flammende Rede hielt, die am nächsten Tag in allen Zeitungen abgedruckt war. Im Zweiten Weltkrieg konnte Bossilkov Tausenden von Juden das Leben retten. Am 9. September 1944 besetzte die Sowjetunion Bulgarien, und es begann ein systematischer Terror, der über 130.000 Menschen das Leben kostete.

Als nach Kriegsende Bischof Damian Theelen starb, wurde Bossilkov zu seinem Nachfolger ernannt und am 7. Oktober 1947 in der Kathedrale von Russe zum Bischof geweiht. Als Wappenspruch wählte er: „Justitia et caritate" („In Gerechtigkeit und Liebe"). Beim Festessen erhob der kommunistische Bürgermeister von Belene einen Trinkspruch und sagte provokativ: „Jetzt. wo wir unseren bulgarischen Bischof haben, ist es höchste Zeit, daß wir uns von den ausländischen Missionaren befreien." Einige dieser Missionare waren anwesend. Bossilkov stand langsam und ruhig auf und erwiderte fest: „Herr Bürgermeister, wenn ich heute etwas darstelle, was Sie schätzen, dann muß ich sagen, daß ich es den ausländischen Priestern verdanke, und es wäre nicht richtig und gerecht, wenn ich das nicht vor allen bekennte." Zu diesem Zeitpunkt stand die katholische Kirche in Bulgarien in ihrer höchsten Blüte. Zwar waren die Katholiken zahlenmäßig schwach: die Diözese Nikopol zählte 25.000 Gläubige, das Apostolische Vikariat Sofia-Plovdiv etwa 30.000; außerdem gab es ein Apostolisches Exarchat für 10.000 mit Rom unierte Gläubige des byzantinischen Ritus. Aber sie hatten Priester, Ordensbrüder und Ordensschwestern verschiedener Kongregationen, eine geachtete Wochenzeitung „Istina" („Wahrheit"), die auch von Orthodoxen gelesen wurde, große Krankenhäuser, ein Sanatorium für Tuberkulosekranke, Gymnasien, Waisenhäuser, Kinderheime und zwei Priesterseminare.

Bossilkovs erste Entscheidung als Bischof war, in allen Pfarreien Volksmissionen abzuhalten, da die Kommunisten bereits mit atheistischen Kampagnen im ganzen Land begonnen hatten. Der Druck auf die katholische Kirche hatte sogleich mit der kommunistischen Machtergreifung begonnen. Dennoch erhielt Bossilkov 1948 überraschend die Erlaubnis für eine Auslandsreise. In Rom empfing ihn am 17. September Papst Pius XII., dem er die dramatische Lage in Bulgarien schilderte. Der Papst ermutigte ihn, bis zum Ende in der Verteidigung des Glaubens auszuharren. In Holland und Belgien rieten ihm seine Freunde und sogar seine Mitbriider und Ordensoberen, nicht nach Bulgarien zurückzukehren, solange dort die lebensgefährliche Situation andauerte. Allen antwortete er ohne Zögern: „Ich muß bei meiner Herde sein und mit ihr leiden, so wie sie leidet."

Am Vorabend vor seiner Rückreise nach Bulgarien hielt er einen geistlichen Vortrag vor seinen Mitbrüdem im Kloster der Passionistenpatres in Rom. Am Ende sagte er, mit leichter Erregung in der Stimme, auf die Worte Christi anspielend: „Von jetzt an werdet ihr mich nicht mehr sehen ..." Am 19. Februar 1949 schrieb er: „Wenn ich zu etwas tauge, wenn ich am Leben bin, so hoffe ich noch mehr zu nützen, wenn ich in Treue zu Christus, zur Kirche und zum Papst leide."

Nach Bossilkovs Rückkehr wurde in Bulgarien am 26. Februar 1949 ein Gesetz über die Glaubensbekenntnisse verabschiedet. Dieses Gesetz stellte alle Glaubensbekenntnisse unter die Kontrolle des Regimes. Die orthodoxe Kirche erhielt darin einige Privilegien, um später für Propagandazwecke benutzt werden zu können. Zugleich wurde die katholische Kirche vor allem als juristische Person liquidiert. Ihre Güter wurden beschlagnahmt: Gemeindehäuser, Krankenhäuser, Schulen, Seminare usw. Jede Tätigkeit von Orden, Kongregationen, Missionen mit Sitz im Ausland wie auch die Verbindung mit ihnen wurde verboten. Drei katholische Bischöfe, Ivan Romanov von Plovdiv, der unierte Kiril Kurtev von Sofia und Eugen Bossilkov von Nikopol weigerten sich, das ungerechte Gesetz anzuerkennen. Nun entlud sich der Haß der Kommunisten gegen die katholische Kirche. Noch im selben Jahr wurde der Apostolische Delegat Francesco Galoni aus Sofia ausgewiesen, im Jahr darauf zahlreiche Priester verhaftet. Stalinistische Schauprozesse wurden geführt, die meisten im Jahre 1952. Am 14. Februar stand Pater Gjulov, Gründer der katholischen Zeitung „Istina", vor Gericht, völlig zerschlagen und zerstört nach zweijähriger Folter und Dauerverhören. Er erhielt 14 Jahre Kerker wegen „Spionage für den Vatikan und andere imperialistische Mächte". Es folgte im Mai die Prozeßfarce gegen Pater Pustov, Pfarrer der Hl.-Josef-Kirche in Sofia. Er erhielt 20 Jahre. Bischof Bossilkov war bereits auf alles gefaßt. Als die antikatholische Propaganda am meisten tobte, führte er in seiner Diözese einen Gebetstag für den Papst ein, um dem Heiligen Vater seine Treue zu beweisen. Am 16. Juli 1952 wurde auch er verhaftet, mit ihm weitere 30 Priester und einige besonders aktive katholische Laien, wie der Schriftsteller Dragov, der mit Artikeln gegen die marxistische Ideologie hervorgetreten war. Zwei Monate lang wollte man sie zwingen, ihre Verurteilung als „Spione" und „Verschwörer" gegen die „Volksmacht" zu unterschreiben, und unterwarf sie zu diesem Zweck satanischen Torturen - ein Ausdruck, den der Bischof selbst verwendete, als er, an Händen und Füßen mit Ketten gefesselt, einmal im Wartesaal des Sofioter Gefängnisses vor seinen Verwandten erscheinen durfte.

Am 29. September fand gegen Bischof Bossilkov, 26 weitere Priester, eine Ordensfrau, zwei Redakteure der Kirchenzeitung „Istina" und zehn orthodoxe „Komplizen" der Prozeß statt. Der Bischof war so abgemagert, daß ihn kaum die Angehörigen im Gerichtssaal erkannten. Der Prozeß dauerte eine ganze Woche. Den Angeklagten wurde in verleumderischer Weise Spionage und Waffenbesitz vorgeworfen. Nur einer der 26 Priester brach zusammen, übte „Selbstkritik" und legte ein „Geständnis" ab. Durch dieses „Geständnis" wurde auch Bischof Romanov von Plovdiv eingekerkert. Er starb drei Monate später als 74jähriger im Gefängnis. Für die „Volksschädlinge" Bischof Eugen Bossilkov und drei weitere Priester lautete das Urteil des „Volksgerichtstribunals": „Tod durch Erschießen und Konfiszierung ihrer Habe", die anderen Angeklagten erhielten Kerker von zehn bis 20 Jahren. Umsonst protestierten Katholiken, allen voran Papst Pius XII., und politische Persönlichkeiten, wie Adenauer und Truman, gegen dieses barbarische Urteil und diese Verletzung elementarer Menschenrechte. Unter Berufung auf die österreichische Presseagentur teilten westeuropäische Zeitungen am 6. Oktober mit, daß Bossilkov am 5. Oktober hingerichtet worden sei - allerdings mit einem gewissen Zweifel wegen des Schweigens der bulgarischen Presse. Aus diesem Grunde wurde Bossilkov noch 23 Jahre lang im Päpstlichen Jahrbuch geführt, mit dem Vermerk „Zum Tode verurteilt für den Glauben - über sein weiteres Schicksal ist nichts bekannt".

Als 1975 der bulgarische Parteichef Zhivkov im Vatikan von Papst Paul VI. in Audienz empfangen wurde und der Papst ihn nach dem Schicksal Bischof Bossilkovs befragte, behauptete Zhivkov, Bossilkov sei schon vor der Hinrichtung im Gefängnis an Lungenentzündung gestorben. Die wichtigste Zeugin für das Martyrium Bossilkovs ist seine Nichte, die Ordensschwester Gabriella Bossilkova. Sie schildert die letzte Begegnung Msgr. Bossilkovs mit seinen Familienangehörigen nach dem Todesurteil: Schon wie er in den Saal gebracht wurde, von zwei Wächtern geführt, eine Hand an einen Fuß gekettet, brachen alle in Weinen aus. Er war bleich, abgemagert bis auf die Knochen und fast unkenntlich - gezeichnet von langen und schweren physischen und moralischen Mißhandlungen. Erst nach einigen Minuten faßten sie sich wieder. Dem Vorschlag seiner Angehörigen, doch um Gnade zu bitten, widersetzte er sich energisch und sagte: „Ich bin schon jetzt mit Gnaden Gottes überhäuft." Tage später, als Schwester Gabriella erfuhr, daß Msgr. Bossilkov nicht mehr im Kerker sei, ging sie zum Direktor des Kerkers, der ihr die Liste der Hingerichteten zeigte und sie auch den Namen ihres Onkels und das Datum der Hinrichtung sehen ließ: 11. November 1952. Als Gabriella bat, ihr doch das Grab zu zeigen, wurde ihr geantwortet: „Dieses Gesindel verdient kein Grab."

Nach der Wende, 1992, veröffentlichte „Abagar", das Bulletin des Bulgarischen Katholischen Kirchenarchivs in Rom, das in seinen Besitz gelangte Hinrichtungsprotokoll mit den Unterschriften des Staatsanwaltes, des Gefängnischefs und des Gefängnisarztes. Danach wurde Eugen Bossilkov am 11. November 1952 um 23.30 Uhr von einem Hinrichtungskommando der Volksmiliz erschossen. Bis dahin war das einzige erschütternde Zeugnis für das Martyrium Bossilkovs ein mit Blut beflecktes Hemd gewesen, das er im Gefängnis getragen hatte. Nachdem Verwandte, Freunde und Verehrer des Bischofs Teile des Hemdes untereinander verteilt hatten, war der Rest noch unter dem kommunistischen Regime, nicht ohne Gefahr, nach Rom geschickt worden.

Am 27. Oktober 1985 wurde der Seligsprechungsprozeß in der italienischen Diözese von Urbania eröffnet und - nach Verzögerungen aus politischen Gründen - inzwischen erfolgreich abgeschlossen. Die Propositio ist erstellt, das positive Votum des zuständigen Kardinalskollegiums liegt vor, nun wird die endgültige Entscheidung des Heiligen Vaters über die Seligsprechung des ersten bulgarischen Märtyrers der Neuzeit erwartet. Die Verehrer Bossilkovs hoffen, daß sie bald kommen möge, trotz allen kirchenpolitischen Hindernissen (wie der geringen Gewogenheit der bulgarisch-orthodoxen Kirche in dieser Sache), damit sich das Wort Bischof Bossilkovs erfüllt: „Unsere Blutspuren sind eine Gewähr für eine glänzende Zukunft unserer Mission in Bulgarien." Gläubige in Ost und West beten im Gedenken an Msgr. Bossilkov: „Herr Jesus Christus, der du am Kreuz gestorben bist, um alle Menschen zu retten. Wir bitten dich auf die Fürsprache deines Dieners Eugen Bossilkov, der von dir mit seinem Blute Zeugnis gab: Vermehre unseren Glauben, gib Kraft allen um deines Namens willen Verfolgten und laß die Feinde deines Kreuzes zur Einsicht ihrer Verblendung kommen, damit wir alle, Kinder desselben himmlischen Vaters, das Leben und das Glück ohne Ende erlangen. Amen.”

3. Bossilkovs-Liebe zur Gottesmutter

Die Positio über die Seligsprechung vermerkt in dem Abschnitt „Liebe zur Heiligen Jungfrau": „Der Diener Gottes hegte auch eine tiefe marianische Spiritualität. Er lädt oft ein, zur Jungfrau zu beten, und er selbst war dem Gebet des Rosenkranzes und der Nachahmung der Tugenden und der Gefühle Mariens treu, wie aus den in den Exerzitien von 1938 ausgedrückten Gedanken gefolgert wird. (Es folgt eine Passage aus der unten wiedergegebenen Betrachtung „MARIA, die Mutter".) Um in sich die Tugenden der Jungfrau, die er so gut beschrieben hat, zu leben, bat er die Freunde zu beten: Zur Geburt des Kindes (er schreibt über die Weihnachtsglückwünsche) müßt Ihr auf meine Gesundheit anstoßen und müssen meine kleinen Cousins oft ein Ave Maria für ihren Priesteronkel beten, damit er immer stark und heiter bleibt und damit der Herr ihm gewährt, nach so vielen Dornen eine kleine Rose zu pflücken...' (Brief LXXI)."

Bossilkov hat nur wenig Literarisches hinterlassen. Neben seiner Dissertation in lateinischer Sprache, einigen Hirtenbriefen in bulgarischer Sprache sowie Artikeln in bulgarischer, niederländischer und englischer Sprache sind dies auch Betrachtungen in deutscher (!) Sprache, die er 1938 im Verlaufe von Exerzitien vor den Missionsbenediktinerinnen in Carevbrod gehalten hat. In diesen Betrachtungen werden nach zwei „Einführungsconferenzen" folgende Themen behandelt: Das Leben - Mein Lebensziel - Der Beruf (= die Berufung), mein Lebenswerk - Bildung und Rettung der Seele - Der Glaube, Grundstein meines Daseins - Liturgisches Leben und Corpus mysticum - Der Treueschwur - Die Sünde - Die Beichte - Der Gekreuzigte - Die Buße - Der Tod - Eucharistie - Das Gebet - MARIA, die Mutter - Ein Rückblick. Diese Betrachtungen fassen die Verehrer Bossilkovs als sein „geistliches Testament" auf.

Hier die - bezeichnenderweise letzte - Betrachtung „MARIA, die Mutter" und der „Rückblick", die Einblick in seine innige Beziehung 7ur Gottesmutter geben:

„MARIA, die Mutter"

Wie es für uns hienieden keine Möglichkeit gibt, Gott unmittelbar zu schauen oder zu berühren, so haben wir auch keinen Maßstab, um seine Nähe oder seinen Abstand direkt zu messen. Es gibt nur einen indirekten, abgeleiteten, allerdings sehr sicheren Maßstab: die Kraft unserer Liebe. Sie geht wegbereitend und weggeleitend mit dem kommenden Gott. Die Kraft unserer Liebe kann aber auch nicht ohne weiteres an dem Bild oder Gefühl gemessen werden, mit dem sie sich in unserem Bewußtsein spiegelt: Nicht jeder, der da sagt: Herr, Herr!, wird ins Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters tut, der wird in das Himmelreich eingehen. Die Liebe wird nur gemessen an der Bewährung, die sie im Schenken und Tragen, in Kampf und Not, im Leben und Sterben findet.

Daß aber diese bewährte Liebe den Ausgang ins Helle finden wird, daß ihr die Begegnung mit Gott bereitet ist, daß in ihrer Richtung wirklich der gesegnete Punkt liegt, wo die Seele und ihr Gott sich treffen, das müssen wir einstweilen glauben. Nur dieser Glaube an die Liebe geht uns hienieden führend voran, um die Dunkelheit vor uns auf je einen Schritt, auf je einen Tag zu erhellen. Und wer ihm folgt, Schritt für Schritt, Tag um Tag, der wird Gott finden!

Diese Ausführung, im vollkommenen nachgelebt, gibt uns den Schlüssel zu der großen Heiligkeit der Jungfrau Maria.

Nach unserem eigenen Leben, nach unseren Erfahrungen fehlt uns oft nichts so sehr, wie der Glaube an uns selber, der Glaube an unsere Kraft, der Glaube an unser Können, an unseren Beruf, der Glaube an den Sinn unseres Lebens. Und das ist die größte Versuchung, daß wir alles wegwerfen möchten und sagen: Es ist ja doch alles nicht der Mühe wert, es kommt ja gar nichts heraus bei meinem Leben, bei meinem Leiden, bei meinem Schaffen. Selig sind wir, so wir dran glauben, wie Maria daran geglaubt hat! Mit irdischen Augen angesehen hat sie nichts geleistet, als einen Gekreuzigten zur Welt gebracht, ist sie nichts gewesen, als eine Schmerzensmutter, aber sie hat geglaubt an ihren Sohn, an ihren Beruf als Magd des Herrn. Und so groß ist dieser Glaube in Maria, daß wir den kühnen Gedanken ausdrücken dürfen, daß Maria sogar ihrem Sohne auch geistig etwas gegeben hat. Und was mag sie ihm wohl gegeben haben? Oh, das schönste, was die Mutter dem Kind geben kann: Verständnis, Erfüllung und damit Tröstung. Sie war doch der Mensch, der seine Ideen, seine Predigt, seine Seligkeiten, seine Bitterkeiten, sein Evangelium und seinen Tod, sein Opfer und sein Auferstehen am allerbesten begriffen hat

Und sie hat seine Ideen erfüllt an sich, in ihrem Herzen, in ihrem Leben. Sie war es, die seine Geisteswelt auch geboren hat, erfüllt hat. So hat sie dieser Welt seines Geistes auch einen Weg geöffnet in die Menschheit hinein. Schon auf der Hochzeit zu Kana hat sie das weltumfassende, weltapostolische Wort gesprochen: „Alles, was er euch sagen wird, das tuet." Und dies ihr Wort ist zu einer Weltpredigt geworden ... Sie kann uns in alle Ewigkeit nichts mehr sagen als: Was er euch sagt, das tuet. Tuet es blindlings, tuet es vertrauensvoll, tuet es ergeben, tuet es geduldig und gläubig!

Diese wenigen Züge der seelischen Verfassung der Mutter Gottes, die wir hie und da auffangen können, genügen aber, um uns den Eindruck einer Persönlichkeit von seltener Reife, Klarheit, Seelenstärke und Herzensgüte zu erwecken. Diese ihre seelische Schönheit, Unberührtheit und Frische bedeuten nichts anderes, als daß ihre Seele noch so ist, wie sie aus Gottes Hand hervorgegangen ist, so voll Schönheit, so voll Glück und Reinheit, wie Gott sie gedacht, gewollt und geschaffen hat. Darum ist Maria einfachhin „die Frau", „unsere Frau"! Zu Marias Größe gehört es gerade, daß sie nicht allein die Freuden ihrer großen Würde in voller Demut getragen hat, Mutter Gottes zu sein, aber auch das Amt übernahm, Christus als Opferlamm dem Opferaltar zuzuführen. Darum gelten die Worte des Propheten wie für Christus, so auch für sie: Mein Leben verging in Schmerzen, und meine Jahre verrannen in Seufzern! Inwieweit Maria eingeweiht war in alles, was mit Jesus geschehen würde, können wir kaum ahnen. Aber eins ist sicher, daß sie die Gefährtin seines innem Lebens war. Darum muß der Schwerpunkt unserer Andacht und unserer Liebe zu Maria dieser sein: daß wir uns einfühlen in ihr Inneres, in ihr Herzensleben, in ihre Gedankenwelt, in ihren Charakter, einfühlen anhand ihres Redens und ihres Schweigens! Haben Sie der Seele nachgetastet, die jene wenigen Worte sprach: Ich bin die Magd des Herrn, mir geschehe nach deinem Wort? ... Und das andere: Sie haben keinen Wein mehr?... Haben Sie sich die menschliche Güte, den zarten Takt, die tiefe Innerlichkeit, die ruhige Entschlossenheit und die unbesiegliche Leidenskraft dieser Jungfrau und Mutter schon nahezubringen versucht?

Es kann doch nicht sein, daß diese Zartheit und Reinheit der Jungfrau, daß diese Liebe und Hingabe der Mutter, daß diese Geduld und Gelassenheit der Schmerzensfrau uns gleichgültig lassen!

„Ein Rückblick"

In allen Konferenzen, auf die eine oder andere Weise, habe ich betonen wollen, daß nur Seelenleben ein wahres Leben ist. Schon am ersten Abend sagte ich diese Worte: Unser Bestehen soll nicht nur Muskelzuckungen hervorrufen, sondern Bewegungen der Seele. Nur diese bringen eine schöpferische Wirklichkeit hervor. Und das ist vollkommen wahr! All unser Ackern und Klügeln, unser Studieren und alles, was von uns auf Erden geschafft werden kann - nur dann hat es einen Sinn und letzten Zweck, wenn es der Entfaltung unseres Seelenlebens dient. Je emsiger auf Erden gewirkt wird ohne diese Erkenntnis, desto mehr verkümmert der Kern der Menschheit! ... - also desto mehr verkümmert unser Dasein. Die einfachste Arbeit kann beseelt, die gelehrtesten Gedankengänge können entseelt werden. Wir mögen schon viele Kenntnisse haben, unsere Bildung bleibt starr und leer und tot, wenn das Leben unserer Seele sie nicht wie eine Leuchte durchdringt, die alles klar und rein verarbeitet.

Um dieses tiefe Leben zu haben, darf die Seele nicht an der Oberfläche und in den Ebenen bleiben. Ihren Lebenssaft saugt unsere Seele aus tiefen und heiligen Urgründen, deren Gotteskraft in uns hineinwirkt ... - die Seele geistig entwickelt, wodurch sie dann ein wahrhaft inneres Leben gewinnt.

Das Lebensziel steht dann ganz deutlich umschrieben, drin die Berufung, die wie die Brücke ist. die wir über die Abgründe dieser Welt bauen, um sicherer zu Gott zu gelangen. Stets ist sie gebaut auf einem unerschütterlichen Glauben. Drauf aber weht die Fahne unserer Gelübde, Zeichen unseres Bundes mit Gott. Keine feindliche Fahne darf neben dieser flattern, und werden wir manchmal überrascht, waren wir nicht auf unseren Posten, dann kommt eine große Reue über uns, und es werden neue Verstärkungen gemacht, nämlich durch die Beichte ... um des Gekreuzigten willen, den man vergrämt hat, und es wird gesühnt für Selbstschuld und aus Liebe zu dem Gekreuzigten. Der Todesschrecken lastet auch ein wenig auf mir, aber dennoch ist er mir gar kein Fremder. In der Hl. Eucharistie finde ich das Unterpfand für ein ewiges Leben. Und werde ich manchmal zu müde, ich weiß, ich habe einen Gott, zu dem ich immer „Vater" rufen darf ..., und ich bete zu ihm und verliere mich in ihm in tiefster Anbetung, und er gibt mir das tägliche Brot. Und es ist da jemand, der mich immer zu ihm führt, was auch geschehen möge, und das ist meine gute Mutter Maria.

Und all diese Dinge sind unveränderlich, und sie machen meine Seele fest. Da, wo immer Leben war, wird immer Leben sein ..., das andere gegenüber dem Tod ist nur ein Scheinleben. Wo bleiben alle Denker der Neuzeit, die das andere Leben leugnen, wenn wir dem Tod ins Angesicht sehen - wo es um die Unsterblichkeit unserer unverlöschlichen Seele geht? Wo jene verstummen oder höchstens ein frevelndes Leugnen (haben), da lebt Christus, der immer uns das Leben verspricht, so wir in seiner (Nach)Folge gehen.

 

Gunther Maria Michel

In: Mariologisches Nr. 34 (Sept. 1995), S. 21-24.

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